Gesang als Sprache der Menschlichkeit
Am Ende singen sie doch noch. Geradezu erlösend wirkt der vokale Glücksmoment, den Isabel Mundry in ihrer «Odyssee» dem Helden und seiner Gattin Penelope vergönnt: Eine späte zwischenmenschliche Tonwerdung, an der auch die Vergänglichkeit dieser Begegnung nichts ändern kann. Denn obwohl Odysseus anschließend weiterziehen muss, hat er durch die Überwindung der Einsamkeit seine musikalische Sprache gewonnen.
Erst durch die Erfahrung der Liebe wird er fähig, die Grundfrage des Lebens zu stellen: «Was ist der Mensch?» Das Ende dieser Oper wirkt wie ein Nachwehen Schubert’scher Wehmut. Zugleich ist dieses Ende jedoch auch fragmentierter Anfang eines neuen Lebens, in dem die Kunst als Mittel der Selbsterkenntnis leiten wird.
Es ist eine tröstliche Botschaft, die Isabel Mundry in «Ein Atemzug – die Odyssee» verkündet. Zugleich ist die an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführte neue Oper ein schlüssiger Lösungsversuch für das Grundproblem avantgardistischen Musiktheaters: Wo jede Lauterzeugung potenziell ein musikalischer Bedeutungsträger sein kann, gilt es, den Gesang als besonderes, zentrales Ausdrucksmittel zu rechtfertigen. Die innere Dramaturgie von Mundrys «Odyssee» schafft genau ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Tokio, Ende September. In den Katakomben der Kongress- und Konzerthalle Bunka Kaikan. «Tannhäuser», erster Aufzug. Auf der Bühne schmettert Venus (alias Waltraud Meier) gerade dem zur Abreise entschlossenen Titelhelden (alias Robert Gambill) die Wut der düpierten Liebhaberin ins Gesicht: «Nie wird Vergebung dir zuteil.» Hinter den Kulissen schleicht bereits Matti...
Am Ende hat er alles verloren, der Ritter von der traurigen Gestalt: seine Bücher, die einen Abend lang die Bühne des Innsbrucker Landestheaters füllten, jetzt aber gen Himmel verschwinden; alle Menschen seines Lebens und damit die erträumten Figuren seiner Lektüre; schießlich sogar die Ärzte und Schwestern der psychiatrischen Klinik, als die sich seine...
Spannende Geschichte mit Happy End – das war schon immer ein beliebtes Erzählschema. Die Ausgrabung des dreiaktigen «Motezuma» von Antonio Vivaldi wurde, dank der Besitzerin der Abschrift, zu einem aufregenden Krimi. Am 11. Juli hatte das Düsseldorfer Landgericht im Eilverfahren die Aufführung verboten (siehe OW 9-10/2005). Doch die Berufungsinstanz gab dem...
