Frisches Grün
Regisseur Calixto Bieito empfängt uns im ersten Aufzug seines «Tannhäuser» nicht mit einer Lusthölle, sondern mit einem Naturidyll. Die triebgesteuerte Unterwelt der Venus ist für den Spanier keine pornografische Zwangsveranstaltung, in der Tannhäuser die Luft zum Atmen dünn wird, sondern ein friedliches Reich voll frischen Grüns und zarter Sinnlichkeit. Überraschend für einen Theatermann, der das Verhältnis der Figuren in seinen Operngeschichten gern auf sexuelle Neurosen und Gewaltfantasien reduziert.
Aber da Bieito für seine Deutungen immer die radikal andere Perspektive wählt, ist seine Umdeutung von Wagners Sängerkrieg wiederum konsequent.
Bühnenbildnerin Rebecca Ringst hat ihm ein vom Bühnenhimmel herabhängendes Baumwipfel-Labyrinth gebaut, das wogt wie die See, während Venus auf der Suche nach ihrem Geliebten durch das Blättermeer eilt. Und Dmitri Jurowski am Pult dirigiert ein pulsierendes, farbiges Vorspiel, mit dem er die Partitur von Überhitzung und Ekstase befreit. Darüber hinaus gelingt es ihm, im für eine Wagner-Oper doch recht kleinen Genter Haus einen vollen, warmen Klang zu entwickeln – musikalische und szenische Deutung finden hier aufs Schönste zusammen. Das gilt ...
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Opernwelt November 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Christoph Schmitz
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