Zurück zu den Lebenden
Dieser Mann ist am Ende. Seine Perspektiven sind trist. Er leidet unter Halluzinationen und Todessehnsucht. Rettung scheint unmöglich, Therapie erst recht. Hat er es hinter sich?
Ja, es ist ein ernstzunehmendes, durchaus modernes Krankheitsbild, ein depressives Syndrom mit psychotischen Zügen, mit dem uns das lyrische Ich in Franz Schuberts «Winterreise» konfrontiert.
Andererseits hält der Protagonist 24 Lieder lang durch, er macht nicht schlapp, die stimmlichen Aufgaben sind mitunter horrend, und bis zum Ende schwächelt er kein einziges Mal – obwohl er fortwährend von seinem Unglück singt.
Der wunderbare schwedische Bariton Peter Mattei holt die «Winterreise» zurück zu den Lebenden. Sein Reisender ist ein Leidender, scheint aber vor einem Suizid gefeit, er benötigt weder eine Zwangsjacke noch schwere Medikamente. Er geht hochbewusst durch sein Leben, kann gleichsam von außen sein Dasein, seine Bekümmernis beobachten. Die malt er sich in den düstersten Farben aus. Das gibt dem Emotionalen etwas Objektives. Umso stärker und tiefer taucht der Hörer mit Mattei zu den Unterströmungen eines Zyklus ab, die an ein Psychogramm denken lassen.
Mattei kann trauern und jubeln, dass man ...
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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 20
von Wolfram Goertz
Hotels sind Durchgangsstationen. In Ihnen liegen Öffentlichkeit und Intimität, Komödie und Tragödie nur eine Handbreit voneinander entfernt. Wie bilanzierte Vicki Baum am Ende ihres Bestsellerromans «Menschen im Hotel» von 1929 so trefflich: «Glückseligkeiten und Katastrophen wohnen Wand an Wand.»
Was aber ist das Glück, was die Katastrophe für Don Giovanni?...
Frau Kermes, Sie haben Ihre Kollegin Cecilia Bartoli vor Kurzem auf Twitter gedisst, wegen des Covers der «Farinelli»-CD, wo sie ausschaut wie Conchita Wurst …
Naja, Conchita Wurst gibt’s ja nicht mehr, sie ist längst wieder ein Mann mit kurzen Haaren. Außerdem hatte Farinelli nie einen Bart. Mir tut es einfach leid, weil viele Menschen sich darüber lustig machen....
Strukturelle Improvisation – diese Formel trifft ziemlich genau, was Christian Jost anstrebt, wenn er neue Musik erfindet. Vor 15 Jahren brachte die Rheinoper in Düsseldorf sein erstes abendfüllendes Musiktheater heraus: «Vipern», eine griffig konstruierte Kriminalgeschichte aus dem elisabethanischen England. Seither sind sieben weitere Arbeiten für die Bühne...
