Wiederentdeckte Pastorale
Alessandro Stradellas «La Doriclea» hat eine recht bewegte Geschichte hinter sich. Der Dreiakter wurde erst 1938 von dem Rieter Organisten Mario Tiberti entdeckt – und galt nach dem Zweiten Weltkrieg schon wieder als verschollen. Trotzdem gab es 2004 im Rahmen eines Festivals bei Siena ein konzertantes Revival auf Grundlage einer Transkription, die Tiberti einst angefertigt hatte – und vor zwei Jahren beförderte die Cembalistin Lucia Di Nicola tatsächlich die Originalpartitur wieder zutage (eine kritische Edition im Rahmen der Stradella-Gesamtausgabe ist in Arbeit).
In diesem Jahr wurde dem Werk eine vollszenische Aufführung auf dem Festival «Grandezze e Meraviglie» in Modena zuteil.
Über Bestimmung und Entstehung des Stücks ist wenig bekannt – Rom 1675?, Genua 1681? –, aber der Umfang ist imposant. Eine dreistündige Komödie der Irrungen in 40 Szenen und ungefähr ebenso vielen Nummern, darunter 17 Duette und ein Quartett, verbunden durch fein gearbeitete, oft ins Ariose gleitende Rezitative. Ins Ohr fallen die kontrastreichen Rhythmen und gewagten Harmonien, der ausgefeilte Kontrapunkt und die leidenschaftlichen Lamento-Arien über ostinatem Bass. Im Gegensatz zu Stradellas anderen ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Carlo Vitali
Wiederholt haben Regisseure gezeigt, was man aus den Balletten machen kann, die in der Pariser Grand Opéra auf den ersten Blick nur überflüssig scheinen. So weit wie Tobias Kratzer in seiner Karlsruher Inszenierung von Meyerbeers «Blockbuster» aus dem Jahr 1849 ist jedoch kaum jemand gegangen: Die Tanznummern im dritten Akt werden (fast ungekürzt) von sechs B-Boys...
Das Streichersextett spielt die ersten Akkorde, da zerreißt ein Heulton den kammermusikalischen Wohlklang. Fliegeralarm, wie üblich. Die Musiker tragen ihre Geigen und Celli gelassen Richtung Bunker, der Hausdiener klappt routiniert den Deckel des Spinetts zu und wartet die Bomben ab. Wir befinden uns im Jahr 1942, zur Zeit der Uraufführung von Richard Strauss’...
1956: einer der größten Skandale, die Bayreuth erlebt hat. Wieland Wagner inszenierte die «Meistersinger» ohne Nürnberg. Keine Butzenscheiben, kein Lokalkolorit, keine betulichen Bieder-Bürger, wie sie noch 1951 nach der Wiedereröffnung auf dem Grünen Hügel zu sehen waren. Der zweite Akt – nur eine sich nach hinten windende Pflasterstraße und eine große...
