Massenet: Werther
Die verengende Transposition von Goethes epochalem Briefroman aus dem Jahr 1774 in das schlichte Handlungsschema einer «Literaturoper» eröffnete der Musik neue Weite: Räume der Seele und gewiss auch des Körperlichen in üppiger Fin-de-Siècle-Pracht. Neben der Fassung mit einem Tenor in der Titelpartie sah Massenet in einer weiteren Version einen Bariton als Werther vor. Nachdem das Wiener Festival KlangBogen beide Lesarten gegenüberstellte, folgt nun auch die Brüsseler Aufführungsserie diesem Muster (Tenor und Bariton alternieren).
Ludovic Tézier verstand es bei der Premiere, den leicht verwegenen und psychisch nicht ganz stabilen Sturm- und Drang-Literaten vorzüglich zu beglaubigen. Wie eine Rokokofigur, empfindsam-bescheiden, dann wieder frühbürgerlich emanzipiert, schwebt Charlotte durchs Stück: morgenfrisch und energisch die Mezzosopranistin Jennifer Larmore, mit wohldosierter Intensität und Geschmeidigkeit. Zusammen sorgen sie für intensive Intimität und Theatralik im kurzen Augenblick des vom Tod bedrohten Liebesglücks.
Guy Joostens Produktion ist durchgängig in einem Biedermeier-Winkel angelegt, den Johannes Leiacker aus einer mit großen glatten Platten verkleideten Ecke ...
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In der Oper wird gesungen, im Melodram wird gesprochen. Schon lange hat sich diese merkwürdige Gattung aus dem breiten Musikleben verabschiedet, während die Oper als künstlerische Ausdrucksform nicht totzukriegen ist. Viele kennen Melodramen heute nur noch als experimentelle Werke – wie Schönbergs «Pierrot lunaire», der 1911 das Tor zur Moderne weit aufstieß....
Dass ältere Operntexte, speziell solche aus dem 19. Jahrhundert, für heutiges Empfinden eine leichte Patina angesetzt haben, sei unbestritten. Muss man sie deshalb allerdings über weite Strecken gleich neu schreiben? Elke Heidenreich hat es mit ihrer «Bremer Fassung» von Adelheid Wettes Libretto zu Humperdincks «Hänsel und Gretel» versucht – und dem Werk damit...
Frau Banse, die Wärme und Innigkeit Ihres Soprans erinnern an Vorgängerinnen wie Irmgard Seefried oder Sena Jurinac: an Sängerinnen von einst. Gehört Ihre Stimme einem aussterbenden Typus an?
Das glaube ich nicht. Aber die Art, wie bestimmte Partien zeitweise eher schwer und dann wieder sehr lyrisch besetzt werden, erweckt vielleicht diesen Eindruck. Jede...
