Die goldene Mitte

Giessen, Mercadante: Il giuramento

Opernwelt - Logo

Eines haben viele Ausgrabungen fernab des Repertoires gemeinsam: Bei aller Freude über bislang selten gehörte Werke ist man schnell mit der Begründung bei der Hand, warum sich diese oder jene Oper doch nicht auf den Spielplänen gehalten hat.

Auch bei den zahlreichen Werken, die Saverio Mercadante (1795-1870) vertonte, urteilt man schnell: Nicht nur zeitlich lag er genau zwischen Rossini und Verdi, sondern auch stilistisch hängt er zwischen den beiden Polen – also nur ein Lückenbüßer? Nach seiner Oper «Il giuramento» von 1837 zu urteilen, die jetzt in Gießen nach fünfundzwanzig Jahren Pause wieder in einem Theater zu sehen ist, fand Mercadante mit den Opern seiner Blütezeit eher eine goldene Mitte: Hinreißender Melos wie in den schönsten Eingebungen Bellinis und Donizettis, aber auch schon eine formale Strenge – wie der Verzicht auf die zuvor obligatorische Caba­letta für die meis­ten Arien – machen aus seinem «Schwur» einen aufregenden Theaterabend für heutige Zuhörer. Dass das Stück nicht häufiger zu sehen ist, könnte trotzdem zwei gute Gründe haben: Nach derselben Stoffvorlage, dem Drama «Angelo, Tyran de Padua» von Victor Hugo, entstand Ponchiellis ungleich erfolgreichere Oper ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2006
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Claus Ambrosius

Vergriffen
Weitere Beiträge
Die zerbrechliche, gefährdete Form

«Zu behaupten, dass man heute Musik schreiben kann, die nicht den Zustand von Verheerung widerspiegelt, dem die Menschen im Spätkapitalismus unterworfen sind, heißt, Musik mit Scheuklappen schreiben, um es vorsichtig zu sagen», bemerkte Hans Werner Henze 1969 in «Musik ist nolens volens politisch». Später freilich re­lativierte er diese Behauptung, doch die...

Traumtänzer des Untergangs

Detlev Glanerts neue Oper «Caligula» will nicht nur ins Innerste treffen – sie kommt auch daher. Zumindest war das der aufregende Plan des Kompo­nisten: dass alle Klänge in Kopf und Körper ­eines verzweifelten, halb wahnsinnigen Menschen entstehen. Dass sie ihn innerlich balsamieren wie ein letztes Erinnern an Schönheit oder ihm unerträgliche Schmerzen bereiten –...

«Singen ist doch etwas Übernatürliches!»

Herr Alagna, Ihr letztes Solo-­Recital war eine Hommage an den Sänger und Schauspieler Luis Mariano, der in Frankreich eine Legende, bei uns aber kaum bekannt ist.
Das stimmt. Man muss ihn in Deutschland erst noch entdecken. Er war eine außergewöhnliche Person, er hat ein Genre, einen Stil kreiert. Eigentlich wollte er Opernsänger werden, hat das Konservatorium in...