Nachtstück
Es ist nicht so schlimm wie beim «Troubadour». Aber auch Verdis «Simon Boccanegra» erfordert einige Übersicht. Dass Liebe, Intrigen und Missverständnisse in ferner Vergangenheit wurzeln, wird den Figuren zum Verhängnis: Alle schauen wehmütig bis wütend zurück, anstatt sich um die Gestaltung der eigenen und der politischen Zukunft zu kümmern. Ganz besonders heikel wird es, wenn die Erklärungswut eines Regisseurs noch dazukommt. An der Dresdner Semperoper tappt dabei Jan Philipp Gloger in eine selbstgestellte Falle.
Was er sich als Verdeutlichung dachte, als Verbildlichung der Traumata, führt zu Verdoppelung und Verwirrung.
Gloger öffnet die Psychokiste, und heraus drängen Gespenster. Amelia als Kind, ihre Pflegerin als Hexe, Mutter Maria mit dem Messer an der eigenen Gurgel, der kleine Simon. Werden die Albdrücke singend beschworen, sind die stummen Doubles da, und Zauberlehrling Gloger wird ihrer nicht mehr Herr. Eine Inszenierung, die verdächtig an die Szenerien des Freud-Jüngers Claus Guth erinnert. Dabei kann Gloger auch anders. Das hat nicht nur sein geglücktes Operndebüt anno 2010 mit dem Augsburger «Figaro» bewiesen, das zeigen auch einige Szenen des Dresdner «Simon». Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Markus Thiel
Düsternis liegt auf der Bühne, graue Schlieren schwärzen sich nach und nach ein. Drei Podeste, nach hinten gestaffelt, heben und senken sich, gegeneinander versetzt. Auf dem mittleren steht Otello, das sturmgepeitsche Meer fest im Blick. Man meint die perlende Gischt auf der Haut zu spüren, während der Chor um die heile Rückkehr des Kommandanten und seiner...
Hasst der Regisseur die Musik? Hadert er mit diesem Zwitterstück, das weder Oper noch Oratorium ist? Das Hector Berlioz als légende dramatique bezeichnete, das 1846 konzertant uraufgeführt, aber erst 1893, fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Komponisten, an der Pariser Opéra comique in Szene gesetzt wurde? Man könnte das meinen, wenn man sieht, wie der...
Adriana Hölszky zählt heute zu den innovativsten, profiliertesten Komponistinnen der Gegenwart – umso mehr, als sie sich, anders als so manche prominenten Zeitgenossen, nicht vom Projekt der Moderne verabschiedet hat. Aus Anlass ihres 60. Geburtstags sind 2013 zwei Veröffentlichungen erschienen, die Annäherungen an die gleichermaßen komplexen wie weitverzweigten...
