Der babylonische Trümmerbaumeister
«Musik ist alles, was nicht nur Gymnastik ist.» Das Bonmot des Wiener Komponisten und Pianisten Otto M. Zykan mag zunächst nur flapsig klingen, verweist aber auf einen Definitionsnotstand. Denn schon darüber, was überhaupt «Musik» sei, gibt es erhebliche Meinungsdiskrepanzen. Zwischen Mahlers «Sinfonie der Tausend» und John Cages stummem Dreisätzer «4.33» liegen in der Tat unzählige Welten. Ähnlich verhält es sich mit dem «Theater».
Die «moralische Anstalt» des auf seine Klassiker erpichten deutschen Bildungsbürgertums, die außereuropäischen Bühnenkünste und die vielfältigen Gabelungen und Brechungen der Avantgarde hin zu Tanz, Video und Performance lassen sich kaum auf einen Nenner bringen. Insbesondere das Musik-Theater lässt viele herkömmliche Kategorien nutzlos wirken. Dabei lassen sich die traditionellen Komponisten in zwei Gruppen aufteilen: die der «absoluten» Musik und die der Oper zugewandten – Brahms und Verdi etwa. Nur bei Mozart sind beide Sphären gleichwertig ineinander verschlungen, analog zum buddhistischen Yin-Yang-Symbol. Ja mehr noch: Manches Opernfinale («Figaro» 2. Akt) wirkt fast sinfonisch autonom, vieles in der Instrumentalmusik latent, oft eminent ...
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Am 28. August ging auf dem Grünen Hügel zu Bayreuth eine Ära zu Ende: An diesem Tag wurde Wolfgang Wagner offiziell als Leiter der Festspiele verabschiedet. Achtundfünfzig Spielzeiten hatte der inzwischen 89-Jährige maßgeblich geprägt. Seit dem Tod seines Bruders Wieland 1966 beherrschte er zweiundvierzig Jahre allein das Geschehen im Festspielhaus. Insgesamt 1706...
Vor fünf Jahren bescherte Kent Nagano Berlin an der Lindenoper eine neue «Turandot», die nicht nur aufhorchen ließ, weil das damals noch druckfrische Finale Luciano Berios auf den Notenpulten lag, sondern auch wegen ihres gehärteten, gleichsam trockeneisgekühlten Klangbildes (siehe OW 11/2003). Puccini, der Meister des molto cantabile hatte ausgedient, hier galt...
Der Verdi des kleinen Mannes «Puccini ist der Verdi des kleinen Mannes, und Léhar ist dem kleinen Mann sein Puccini.» Mit diesem bissigen Bonmot hat Kurt Tucholsky 1931 in der «Weltbühne» mit Léhar auch Puccini der intellektuellen Verachtung preisgegeben. Er hätte sich dabei auf die kompakte Majorität der Fachleute berufen können – Gustav Mahler etwa, der «Tosca»...
