Spiegel einer Zeit

Der französischen Sopranistin Germaine Lubin brachten Wagners Partien Erfüllung und Verhängnis

Opernwelt - Logo

Neben Frida Leider und Kirsten Flagstad gab es vor achtzig Jahren noch eine weitere bemerkenswerte Interpretin der Isolde: Germaine Lubin (1890-1979). Die Pariserin muss auf der Bühne eine fesselnde Erscheinung gewesen sein, und die wenigen Aufnahmen, die das Label Marston jetzt zu einem Porträt zusammengestellt hat, lassen phänomenale vokale Fähigkeiten ahnen.

Lubin selbst allerdings war mit keiner ihrer Platten zufrieden.

Tatsächlich stellt das Mikrofon einige matte Stellen aus: in erster Linie eine etwas schwergängige Attacke und ein paar zu tief genommene Töne – meist in der Mittellage, die Vollhöhe ist blitzsauber. Doch im Theater dürfte das wenig ins Gewicht gefallen sein, und auch im Fall der Aufnahme ist all das nach wenigen Phrasen vergessen. Zu eindringlich etwa der erste Aufschwung der Arie «Salut, splendeur du jour» aus Ernest Reyers Oper «Sigurd», aufgenommen 1930: Die ekstatische Phonation erinnert an die vibrierende Sinnlichkeit Lotte Lehmanns. Großartig auch die Genauigkeit der dynamischen Gestaltung, die langen Bögen, eine aus der Wortbedeutung entbundene plastische Phrasierung, die ausdrucksvolle, unverbrustete Tiefe, die schallende Höhe.

All das prädestinierte ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Götz Thieme

Weitere Beiträge
So klug wie sinnlich

Mozart und die Familie Weber – das Thema fasziniert seit jeher vor allem die populärwissenschaftliche Mozart-Literatur. Mit Aloysia Weber verband Mozart eine
Jugendliebe, Constanze Weber wurde seine Frau, Josepha Weber, verheiratete Hofer, war die erste Königin der Nacht. Alle drei Frauen hinterließen Spuren nicht nur in Mozarts Leben, sondern auch in seinem Werk....

Ich bereue nichts

Herr Nikitin, vor knapp vier Jahren, nach Ihrer überstürzten Abreise aus Bayreuth, hatten Sie geschworen, nie wieder ein Interview zu geben ...
Ich war damals sehr wütend. Und diese Geschichte treibt mich immer noch um. Manchmal geht sie mir durch den Kopf, und der ganze Ärger steigt wieder auf. Die Art und Weise, wie ich da wegen eines längst «übermalten» Tattoos...

Pause machen? Kann ich nicht

Einer Ihrer Kollegen sagte einmal, 79, 80, 81, das sei ihm eigentlich egal.
Mir nicht. Am liebsten wäre mir 39, meinetwegen 49.

Sie haben, so schilderten Sie es einmal, früher am Pult wilde Bewegungen vollführt. Wann legt man das ab?
Mein Wiener Lehrer Hans Swarowsky hat mich einmal bei der «Kleinen Nachtmusik» beobachtet und gefragt: «Was machen Sie eigentlich, wenn...