Porträts eines Flüchtigen
«Er war einfach nicht alltagstauglich», sagt ein Orchestermusiker: «Das wäre, als wenn man jeden Tag Pralinen fressen müsste.» Man kann Carlos Kleiber sensibler würdigen. Oder heroischer. «Er war der vollendete Vermittler zwischen Gott und den Menschen, was die Musik betrifft», posaunt Wiens ehemaliger Staatsoperndirektor Ioan Holender. Georg Wübbolt hat all diese gut gemeinten Hilflosigkeiten in seinem Dokumentarfilm über den großen Dirigenten dringelassen. Er hat alle vor die Kamera gebeten und gelassen, die meinten, etwas zum Thema Kleiber zu sagen zu haben.
Mehrere Musiker jeweils der Wiener und Berliner Philharmoniker, der Bayerischen Staatsoper und der Bayreuther Festspiele, dazu Intendanten, Dirigenten, Manager, Dramaturgen, Journalisten. Von der Sängerriege ist Ileana Cotrubas dabei. Sie darf, wie fast alle, nur jeweils einen oder zwei Sätze sagen. Statement reiht sich an Statement. Der Film ist simpel additiv auf Klein-Klein ausgerichtet, was bei einem Großen wie Kleiber kaum weiterführt. Zumal die Musik entschieden zu kurz kommt. Auch da bleibt es bei Schnipseln, die sofort wieder mit Text überblendet werden, kaum dass man Kleibers Atem mit den Ohren gegriffen hat.
Als ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Medien/DVDs, Seite 22
von Stephan Mösch
Der Not gehorchend, aber alles andere als eine Notlösung: Weil der Orchestergraben keine 77 Musiker fasst, hat sich Hausherr Martin Schüler für das 1908 erbaute Jugendstiltheater einen «Ring des Nibelungen» einfallen lassen, der etwas anders ist als alle anderen Aufführungen und dennoch Wagners Vorstellungen insofern entspricht, als in Cottbus tatsächlich einmal...
Kultur gleicht manchmal einem Mädchen, das einen reichen Alten heiratet und heuchelt, es sei Liebe – wenn sie nämlich so tut, als gehe es ausschließlich um Höheres. Ihren wahren Charakter (den Warencharakter) zeigt sie indes, wenn ein «Event» ansteht wie jener im April in Wien mit Gaetano Donizettis «Anna Bolena» an der Staatsoper, der ersten Aufführung des Werks...
Schon nachvollziehbar, dass just diese Oper zu den Lieblingsstücken Adolf Hitlers gehörte. Denn jenseits der in ihrer schwermütigen Melodik und manchmal auch plakativen Machart an den italienischen Opernnaturalismus – Verismo – erinnernden Musik birgt die Fin-de-Siècle-Geschichte viel Treibstoff für eine «Blut und Boden»-Ideologie: Unverdorbener Junge – Pedro – aus...
