Russische Passion
Fangen wir an mit den Farben. Mit dem Rot, Gelb und Blau, dem Weiß, Schwarz und Grau der bühnengroßen Prospekte, die hinten auf- und niederfahren. Unentwegt verändern die riesigen Leinwände ihre Anmutung, in sanft fließender Bewegung. Strahlen wie die Sonne, glühen wie Höllenfeuer, werden dunkel wie die Nacht, grünen wie der Frühling. Metamorphosen des Lichts, die an die color field-Malerei des amerikanischen Expressionismus denken lassen.
An Mark Rothko und Barnett Newman, jene Mystiker der Pigmente und Propheten der reinen Abstraktion, die mit jedem ihrer großformatigen Bilder das Erhabene suchten, einen Hauch der Ewigkeit. Eine Wahrheit, die allen Ballast der Geschichte und des Gedächtnisses abgeschüttelt, sich gleichsam auf null zurückversetzt hat.
Wenn heute noch ein Regisseur an das Erhabene glaubt, dann heißt er Peter Sellars. Die Macht der Künste, eine existenzielle «Bewegung des Gemüts» (Kant) auszulösen oder uns, wie Schiller es formulierte, «einen Ausgang aus der sinnlichen Welt» zu verschaffen, um eine höhere Wahrheit zu schauen – an dieser Utopie hält Sellars fest. Natürlich ist er kein Mann der ästhetischen Theorie, und das (politische) Thesentheater ist ihm so fremd ...
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Opernwelt März 2012
Rubrik: Mission Madrid, Seite 22
von Albrecht Thiemann
Es ist eine wechselhafte Beziehung, die das Wiesbadener Opernpublikum mit Dietrich W. Hilsdorf verbindet: Seit 1986 inszeniert der Regisseur am Hessischen Staatstheater, nach einer neunjährigen Pause ist er seit Beginn der Intendanz von Manfred Beilharz 2002 wieder regelmäßig zu Gast in Schauspiel und Oper. Hilsdorfs Arbeiten sind von einer erstaunlichen...
Keine Frage: Als gute, alte Tante wird die Oper das 21. Jahrhundert allenfalls im Museum überleben. Wenn immer nur die gleichen fünfzig oder sechzig Stücke den Spielplan prägen, ist die Mumifizierung der Gattung vorprogrammiert. Da kann die post-dramatische Regie noch so kühn Händel und Mozart, Verdi und Wagner oder Puccini und Strauss auseinandernehmen – der...
Vera Nemirovas lebhafte und detailreiche Frankfurter «Ring»-Interpretation ist sicher ein gewichtiger Grund dafür, dass geplante Gesamtaufführungen auf Anhieb für ein ausverkauftes Haus sorgten. Und zwar, bevor mit «Götterdämmerung» überhaupt der Schluss des Unternehmens erreicht war. Dieses Finale versetzte die bisher virtuos kompilierte, nach der gewitzten...
