Die zerbrechliche, gefährdete Form
«Zu behaupten, dass man heute Musik schreiben kann, die nicht den Zustand von Verheerung widerspiegelt, dem die Menschen im Spätkapitalismus unterworfen sind, heißt, Musik mit Scheuklappen schreiben, um es vorsichtig zu sagen», bemerkte Hans Werner Henze 1969 in «Musik ist nolens volens politisch». Später freilich relativierte er diese Behauptung, doch die grundsätzliche Frage nach der Funktion von Kunst in verheerenden Zeiten, wodurch auch immer, bleibt.
Ist Kunst nur dann «schön», wenn sie wahr ist? Kann pure Schönheit niemals wahr sein, auch wenn sie nicht bloß als ästhetischer Überbau, als L’art pour l’art sich definiert? Was ist Wahrheit? Was Schönheit? Umgekehrt: Soll «schöne» Kunst über die Wahrheit hinwegtrösten, sie nostalgisch wegspiegeln?
Nostalgie ist ja, wie ein kluger Mensch bemerkte, die Trauer darüber, dass nichts mehr so ist, wie es früher nicht gewesen ist. Aribert Reimann greift diese Problematik in dem aus von ihm in eine dramaturgische Abfolge gebrachten und für Sopran und Streichquartett bearbeiteten Heine-Liedern Mendelssohns «... oder soll es Tod bedeuten» (1996) auf: Er dringt in die Tiefe seelischer Befindlichkeiten und lässt dabei jene Verheerungen ...
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Komische Oper Berlin, ein Sonntagnachmittag im November. Intendant Andreas Homoki hat zu einer Uraufführung geladen – und das Haus ist bis auf den letzten Platz belegt. Das gefühlte Durchschnittsalter des Publikums liegt irgendwo zwischen sechs und zwölf. Auch das Team, das hier eine neue «Pinocchio»-Oper des italienischen Komponisten Pierangelo Valtinoni...
Esultate! L’orgoglio musulmano sepolto è in mar, nostro del ciel è gloria! Das hätte man gegenwärtig auch benediktisch zugespitzt, sozusagen auf des Krummsäbels Schneide, inszenieren können. Doch Christine Mielitz lässt den «muselmanischen Stolz» szenisch unkommentiert, nutzt vielmehr Unwetter und Sturm pantomimisch zur (nur bei Shakespeare geschilderten)...
Dass in der Opera seria am Ende noch alles im gleichsam industriell gefertigten «lieto fine» zum Guten gewendet werden muss, ja, das kennt man. Aber mit so einem marginalen barocken Tanzschnipsel, wie er Reinhard Keisers «Arsinoë» abschließt, rechnet dann doch keiner. Konvention erfüllt, Oper spielbar, scheint uns der Komponist zuzuraunen. «Was’n das für’n...
