Poesie und Schrecken
Alte Liebe rostet nicht. Aber sie vergeht, irgendwann. Das muss auch Wotan, der Wanderer, erkennen, als er, nietzscheanisch beflügelt, Erda aufsucht, die verblühte Schönheit. Reglos, ermattet liegt sie auf jenem breiten Bett, das dereinst beider Leidenschaften diente. Aber auch der Gott ist müde geworden, nicht länger vermag er zu glauben, alle Lust wolle Ewigkeit. Wie Ödipus auf Kolonos betritt der vokal virile Egils Silins das Schlafzimmer, eine schwarze Sonnenbrille im Gesicht, die Haare lang, strähnig und so silbergrau wie Erdas Mähne (Edna Prochnik).
Ein letztes Mal bäumt sich die Urmutter auf, doch vergebens. Liebe, verblasst zur schalen Erinnerung.
Darum, um das, was wir erinnern, geht es sehr viel in Markus Dietz’ «Siegfried»-Inszenierung am Staatstheater Kassel, die den eingeschlagenen «Ring»-Weg konsequent, plausibel und (zu-)packend fortsetzt. Während des Vorspiels, das GMD Francesco Angelico extrem behäbig dirigiert (als wolle er zum Ausdruck bringen, dass die Welt still steht), zeigt ein Film von David Worm die durch Wiesen und Felder irrende schwangere Sieglinde, ätherisch schön in ihrem weißen Negligé, um dann die Szenen der Geburt mit aller Drastik aufzupumpen. ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Jürgen Otten
Nanu! Ist das nicht Michel Houellebecq? Dieser schmächtige Typ mit strähnigem Haar, der da rauchend im Bett liegt? Der dann sturzbetrunken zur Badewanne torkelt, um sich die Fußnägel zu lackieren?
Ja, zweifellos, er ist es. Der französische Kultautor ist in Elisabeth Stöpplers Inszenierung von Offenbachs letzter Oper «Les contes d’ Hoffmann» omnipräsent: Seine...
Ach, das waren noch Zeiten in Salzburg. Damals, bei den Osterfestspielen. Herrlich unbeschwert. Jedenfalls solange Herbert von Karajan der König war. Von 1967 bis 1989 leitete er das Gourmet-Festival, als Maestro, Regisseur, Lichtgestalter und Programmdirektor. Mit einer Aufführung von Richard Wagners «Walküre» hatte er es am 19. März 1967 eröffnet, um freie Bahn...
Man wundert sich. Man wundert sich über all die Häme und den hasserfüllten Zorn, der Frank Castorfs Inszenierung von Giuseppe Verdis «La forza del destino» an der Deutschen Oper Berlin entgegenschlug, über den emotionalen Furor dieser Ablehnung, der wirkt wie ein eingeschweißter Reflex, wie ein intrikates Ressentiment gegen diesen Regisseur, sein Denken, womöglich...
