Klingende (Alp)Träume

Harrison Birtwistles «Punch and Judy», Wolfgang Mitterers «Schneiderlein» und Richard Dünsers «Radek» in neuen CD-Editionen

Opernwelt - Logo

Dass Märchen nicht nur kleine, sondern auch große Kinder angehen, wissen wir spätestens seit Freud. Schon die Romantik hatte den mythischen Mehrwert jener im gemeinen Volk kursierenden Traumgeschichten im Blick, in denen die psychoanalytische Theorie später Bilder des Vor- und Unbewussten entdecken sollte. Was man sich von schönen Nixen, bösen Hexen und faulem Zauber erzählt, führt, so die Diagnose, direkt auf die Nachtseite der Vernunft – in eine Sphäre der Ängste, des Begehrens und der Obsessionen.

Im Märchen erhält das eine Stimme, was die Ratio ausblendet, was einem die Sprache verschlägt und gerade deshalb magisch anzieht. Kein Wunder also, dass auch Komponisten dem Reiz der fantastischen Fabel immer wieder erliegen – bis in die Gegenwart hinein.
Wie viel musiktheatralischer Zündstoff (und Lebensweisheit) in vermeintlich putziger Kinderfolklore  stecken kann, hat zum Beispiel Harrison Birtwistle mit seiner Kammeroper «Punch and Judy» gezeigt. Auch vierzig Jahre nach der Uraufführung in Aldeburgh nimmt die groteske Lakonik des Stücks gefangen. In den surrealen Szenen, die der gelernte Pianist Stephen Pruslin auf Basis der bodenlos verschrobenen englischen Kasperle-Tradition für ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2008
Rubrik: CDs, Seite 56
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sympathie mit dem Tode

Der erste Körperkontakt ist spielerisch und zynisch zugleich. Isolde greift nach Tris­tans Hand. Sie zieht diese Hand förmlich aus dem Ärmel ihres geliebten Todfeindes. Sie tut so, als wäre es umgekehrt, als hätte Tristan nach ihr gegriffen. Sie spielt, Hand in Hand, eine Szene, die in Kürze stattfinden wird: Tristan führt Isolde ihrem künftigen Ehemann zu, dem...

Als Drama ernst genommen

Das kommt vor und leider viel zu selten: dass man ein Stück, das man unzählige Male gehört hat und genau zu kennen glaubt, plötzlich wie zum ersten Mal und ganz neu erlebt. Mir ging es jetzt so mit ­einem Rundfunk-Mitschnitt des «Trovatore» aus der New Yorker Met von 1947, von dem ich mir allenfalls ein Stimmenfest erwartet hatte. Doch schon nach wenigen Minuten...

Klassik aus dem Internet

Als vor einem Vierteljahrhundert die Langspielplatte von der Compact Disc abgelöst wurde, waren nicht wenige Klassikkunden der Vinyl-Generation scho­ckiert. Die Vorbehandlung der schwar­zen 33-Zentimeter-Scheiben mit Antistatiktuch, das Aufsetzen der Nadel, die stille Rotation des schweren Plattentellers, der Seitenwechsel – all das hatten die Aficionados der...