Beissend, bitter
An den Anfang seiner Inszenierung von «Boris Godunow» stellt Richard Jones ein Bild so licht und unschuldig wie aus einem Kinderbuch. Der Vorhang zeigt eine Kinderhand beim Griff nach einem Kreisel. Als dann im Saal die Lichter ausgehen, wird Miriam Buethers klaustrophobisches Bühnenbild enthüllt: Wände schwarz wie Reifengummi, mit der Zarenglocke als Relief.
Auf der zitronengelb gefliesten Galerie im oberen Bühnenbereich sieht man einen Schauspieler in weißem Kinderuniformrock und Knickerbockern, das Gesicht verborgen hinter einem riesigen Puppenkopf: Es ist der achtjährige Dmitri, der jüngere Sohn Iwans des Schrecklichen. Drei Mörder schleichen heran, schlitzen ihm die Kehle auf und schleifen die Leiche fort. Stille. Einer tritt an Godunow (Bryn Terfel) heran, flüstert ihm etwas zu. Erst jetzt heben Fagotte und tiefe Streicher unter Antonio Pappanos Dirigat zu ihrer ersten, langen Klage an, konzentriert, sorgsam artikulierend.
Auf den rechten Ton kommt alles an in der schmucklosen Originalfassung dieser Oper. Auf elektrisierende Weise eigenwillig kann Mussorgskys Instrumentierung von 1869 klingen; rau; fleischig aufgefüllt mit Bratschen, Celli, Bässen, tiefen Holzbläsern und ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Anna Picard
In Alexander Zemlinskys Opern rumort eine schwüle, mit Gewaltfantasien grundierte Erotik. Sein selten aufgeführtes Opus summum «Der König Kandaules» treibt die Obsessionen auf die Spitze. Wörtlich genommen ist die Geschichte schwer verdaulich: Der König begreift seine schöne Gattin Nyssia als Besitz. Erst entschleiert er sie wie eine Trophäe vor den Höflingen, dann...
Es war ein Kuriosum der Operngeschichte, eine Art Doppel-Uraufführung in einem Zeitraum von vier Monaten: Im Dezember 1925 kam an der Berliner Staatsoper Alban Bergs «Wozzeck» heraus, die grandiose Vertonung des grandiosen Büchner-Dramas; im April 1926 brachte das Stadttheater Bremen eine Opernfassung desselben Stoffes von seinem damaligen Generalmusikdirektor...
Über tausend Lieder hat Mikis Theodorakis geschrieben, die meisten auf Texte griechischer Lyriker seiner Zeit. Stücke für die Straße, den Tanzboden, das Haus, den Konzertsaal. Kleine Ermutigungen in einer todessüchtigen Welt. Miniaturen für ein besseres, gerechteres Leben in Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Kurzgeschichten, die von Lust und Leid, Werden und...
