Mal hier, mal dort
Gerade als Gilda ihre Seele aushauchen will, fährt in einiger Distanz ein Zug vorbei, pflügt akustisch diskret durch das Dolcissimo von «Lassù in ciel». Schlimm ist das nicht. Die klug konzipierte, die Bühne fast hermetisch umschließende Zuschauerarena legt Außengeräuschen den Finger auf die Lippen. Überdies trotzt die Chinesin Sen Guo als Gilda den gedämpft rollenden Rädern mit nahezu überirdischem Ton.
Dennoch lenkt das Eindringen solcher Alltagslaute in den Opernkokon – vielleicht eine conditio sine qua non bei Freiluftaufführungen – unwillkürlich die Gedanken auf das Spiel der Zeiten. In diesem Fall der unmittelbaren Gegenwart und der Frührenaissance des Hofs zu Mantua, die sich hier vor der modernen Architektur der Turnhalle Mülimatt zu Brugg-Windisch im mittelschweizerischen Aargau zu vermählen suchen. Wobei die ziehharmonikahaft gezackte Fassade des Fitnesstempels durchaus als ins Heute hinübergerettete Gotik durchgehen könnten – was Bühnenbildner Karel Spanhak denn auch nutzt. Er fügt der expressiven Front ein üppiges rotes Tor hinzu und sorgt ansonsten für Spielpodeste und Treppen, auf denen Regisseur Giancarlo del Monaco seine Routine ausspielen kann. Dabei folgt die ...
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Opernwelt November 2016
Rubrik: Magazin, Seite 85
von Gerhard Persché
Steh-Oper bei Calixto Bieito? Der frühe Giuseppe Verdi und «Jérusalem», seine erste Grand Opéra für Paris – ein kaum verkapptes Oratorium? Massen, die sich in Zeitlupe über die Szene verbreiten, in kaum merklicher Vorwärtsbewegung, sofern sie sich nicht ganz statuarisch geben?
Nein, darauf läuft es in Freiburg bei der französischen Fassung von Verdis vierter Oper...
Ja, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins: «Überhaupt irrt man», schrieb Mozart an den Kapellmeister Johann Baptist Kucharz, «wenn man denkt, dass mir meine Kunst so leicht geworden ist ...». Und der Wiener Schriftsteller und Kritiker Hans Weigel vermerkte in seinem Buch «Apropos Musik» ein wenig flapsig, wer Mozart leicht fände, den solle der Lortzing holen....
Frau von Otter, als eine der vielseitigsten Sängerinnen der Gegenwart haben Sie – außer Verismo – fast alles gesungen, was Ihr Stimmfach hergibt. Sie sind ehrgeizig!?
Ach was, überhaupt nicht. Ich wollte singen, irgendwas, und zwar immer wieder. Allerdings habe ich so eine merkwürdige Neugier in mir, eine Rastlosigkeit. Wenn ich spazierengehe, laufe ich auch immer...
