Bis die Puppen tanzen
Zweieinhalb pausenlose Stunden dauert die Vorstellung von Sergej Prokofjews «Spieler» im Antwerpener Opernhaus, und auf der Bühne gibt es nur Verrückte. Die Emotionen der Spielsüchtigen von Roulettenburg kochen permanent über. Deshalb fließt das bernsteingoldene Palm Royale bei der Premierenfeier danach wohltuend durch die Kehle. Auch Aviel Cahn, der Intendant der Flämischen Oper mit ihren assoziierten Häusern in Gent und Antwerpen, kommt im weißen Anzug eines Casinobesitzers an die Bar, aber er trinkt kein Bier, sondern behält einen kühlen Kopf.
In der übernächsten Spielzeit wird er nach zehn flämischen Jahren ans Grand Théâtre in Genf wechseln. Es hat sich herumgesprochen, dass der gebürtige Zürcher ein modernes Theater macht, dass er Experimente liebt, den Promifaktor geschickt, aber nicht oberflächlich einsetzt und sich auf eine Stadt, ihre Menschen, Schönheiten und Narben einlässt.
Diesmal erzählt Cahn von der Theaterregisseurin Karin Henkel, die er überzeugt hat, es zum ersten Mal mit der Oper zu versuchen. Vielleicht hat sie angebissen, weil Prokofjews Vorlage zum «Spieler» von Fjodor Dostojewski stammt; in Köln hat sie «Der Idiot», in Hamburg «Schuld und Sühne» auf die ...
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Opernwelt August 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Michael Struck-Schloen
Traditionen haben etwas Gutes. Sie sichern und überliefern wertvolle Bestände, sie wirken stilbildend. Im Leben wie in der Kunst. Und eben auch in der Oper. Ohne Tradition, ohne den Blick zurück auf seine Anfänge, würde dieses Kraftwerk der Gefühle über kurz oder lang vermutlich stillstehen, zur musealen Einrichtung verstauben – zur Form ohne lebendigen Inhalt....
Dass Na’amer Zissers «Mamzer Bastard» in Hackneys Empire gegeben wird, ist kein Zufall: In diesem Ostlondoner Bezirk lebt die größte chassidische Gemeinschaft Europas. Die israelische Komponistin – Stipendiatin der Londoner Royal Opera und Guildhall School of Music – verquickt traditionelle chassidische Melodien mit dem eigenen Idiom. Auch das Libretto ihrer...
Schönes Foto. Es zeigt, schwarz-weiß in der einen, gelb durchstochen in der anderen Diagonale, die Büste eines Mädchens: etwa zwölf Jahre alt, Lockenkopf mit Seitenscheitel, Sommerkleid, ein hübsches Schleifchen im Haar, Blumen in der Hand, vorwiegend Rosen in verschiedenen Farben. Aber auch Lilien. Was noch stärker irritiert, ist der Blick des Mädchens. Er ist...
