Ausgebremst
Violetta und Alfredo fristeten ihr beschauliches Landleben vor den Toren von Paris sicher nur in relativer Bescheidenheit. In Tom Cairns’ unaufgeregter, dezent in die Gegenwart geholter «Traviata» leben sie üppig: Die Bühnen- und Kostümbildnerin Hildegard Bechtler bettete Verdis Schlüsselszene im zweiten Akt in eine malerisch bewaldete Parklandschaft in bester Glyndebourne-Idyllik und schneiderte den Protagonisten dekorative Garderobe auf den Leib. Das alles sieht sehr gut aus.
Einblicke in die Seele, psychologisch motiviertes Spiel und dezidierte Personenführung bleiben von der Regie dagegen unterbelichtet: Dass und wie hier drei Menschen (Violetta, Alfredo und Germont père) ihrer innersten Gefühlsregungen gewahr werden – Cairns vermag die Zuspitzung, auf die es in der «Traviata» doch entscheidend ankommt, nicht recht zu vermitteln, so dass die Regungen und Reaktionen der Darsteller weitgehend ohne erkennbaren Bezugsrahmen bleiben. Auch die allzu routiniert-glatte Bewegungsregie der Choreografin Aletta Collins in den Massenszenen ändert daran nichts.
Michael Fabiano ist ein schneidiger, attraktiver Alfredo, richtet seine gesanglichen Absichten allerdings mehr ins Publikum als an ...
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Opernwelt September/Oktober 2014
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Tom Sutcliffe
Die Möwe schreit. Ein Hund bellt. Über die Frederiksborggade schnaufen die Kopenhagener Stadtbusse. Dazwischen der Duft von Fisch und Frittenfett. Vor der Torvehallerne, der Markthalle mit Restaurants und Cafés, blüht das Leben. Der Bahnhof Nørreport, wo sich Metro und Fernzüge kreuzen, ist keine hundert Meter weg. Und genau hier spielt die Musik: Man gibt «Manon»...
Die Lage hat sich weiter zugespitzt. Konfrontiert mit wachsenden Defiziten der New Yorker Metropolitan Opera, nahm sich Intendant Peter Gelb vor, die Personalkosten drastisch zu senken – und forderte von den Mitarbeitern einen Lohnverzicht in Höhe von 16 Prozent (siehe OW 6/2014). Die Musiker hingegen werfen Gelb vor, das Geld für teure, aber schlecht laufende...
Seit über Kunst nachgedacht wird, also schon sehr lange, treibt die Frage um, was Musik eigentlich sei. Das «Schöne», sein Eigenwert, seine Funktion, in Abgrenzung zum «Hässlichen» – darum kreisen die Debatten. Im deutschen Kulturbereich scheint das Thema nach wie vor blockiert. Idee wie Ideologie der «absoluten» Musik haben diese festgelegt auf die kunstreligiöse...
