Editorial
In Krisenzeiten boomt die Sehnsucht nach Zerstreuung. Wenn die Börsenkurse in den Keller rauschen und ganze Staaten wanken, sollen nicht auch noch die schönen Künste den Lauf der Welt vorführen. Als in Frankreich das Zweite Kaiserreich verrottete, strahlte am Theaterhimmel Offenbachs Operetten-Feuerwerk. Während die k.u.k.-Donaumonarchie gerade ihre Zukunft verspielte, drehte sich Wien im Walzertakt der Strauß-Dynastie. Lehár, Kálmán, Benatzky & Co. feierten ihre größten Erfolge, als sich bereits die Kriegskatastrophen des 20. Jahrhunderts zusammenbrauten.
Je schwerer das reale Leben drückt, desto leicht(gewichtig)er ist das, was gut auf der Bühne läuft.
Solche Koinzidenzen kann man auch nach dem jüngsten Finanz-Crash beobachten. Da macht zum Beispiel TV-Entertainer Harald Schmidt (mit Kompagnon Christian Brey) an der Rheinoper in Düsseldorf aus der «Lustigen Witwe» eine flotte Revue: sinnfrei und unterhaltsam. In der «Süddeutschen Zeitung» verkündete er, was er unter bürgernahem (Musik-)Theater versteht: «Die Leute sind doch total bereit, sich emotional wegreißen zu lassen. Dieses ganze intellektuelle Getue ... strengt sie ja wahnsinnig an.» Westend und Broadway statt Regietheater ...
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Nicht Fisch und nicht Fleisch muss «Il corsaro» für Giuseppe Verdi gewesen sein. Seine Meinung über die Byron-Vertonung schwankt. Zur Uraufführung, 1848 in Triest, fuhr er jedenfalls nicht. Verlagskuddelmuddel war hinzugekommen. Der «Macbeth» lag ein Jahr zurück, «Luisa Miller» stand noch bevor. Auf Kühnheiten wie in der Shakespeare-Anverwandlung warten wir im...
Der Kontrast könnte größer nicht sein. Als Aribert Reimanns «Lear» 1983 zum ersten Mal an der Komischen Oper gespielt wurde, in Ostberlin, inszeniert von Harry Kupfer, dirigiert von Hartmut Haenchen, bestand die Bühne aus Morast und Beton. Lears verruchter Machtstaat und die entmenschlichten Menschen an seiner Spitze, das alles wurde drastisch und konkret...
Dass Georg Kreisler als Autor und Komponist von Theaterstücken, Musicals, Gedichten, Satiren und Romanen kaum wahrgenommen wurde, hängt nicht nur damit zusammen, dass das Kabarettpublikum weiterhin nichts als «die alten bösen Lieder» hören will, sondern auch mit dem radikalen Nonkonformismus, der den Künstler immer wieder in Konflikte mit Verlegern, Theater- und...
