Flieg, Adler, flieg!
Der Mörder kommt mit der Axt in der Hand. Furchterregend sieht er aus, der kahlköpfige Lagerinsasse Schischkow, in seinem lang-schwarzen Ledermantel, mit weit aufgerissenen Augen. Ein Abgrund Mensch, vom Teufel besessen, hinabgesunken in das Animalische seiner Existenz. Dabei steht ihm der Sinn jetzt gar nicht nach Gewalt. Schischkow will Zeugnis ablegen von jener unheilvollen Tat, die ihn in dieses Totenhaus brachte – der Schlachtung Akulkas.
Und so wandert er wie Rilkes Panther durchs Gehege, schwingt das kalte Beil, sucht nach Fassung, findet keinen Frieden – und ersehnt doch nichts mehr als Befreiung von seinen Seelenqualen.
Leos Janáček hat ihm in seiner letzten Oper eine Musik komponiert, deren expressive Enden – hier die Sonne des kammermusikalischen Lyrismus, dort der Donner des Herb-Dramatischen – Lichtjahre auseinander liegen (und genau so ambivalent auch von Simone Young und dem Bayerischen Staatsorchester ausgestaltet werden); eine Musik, die das Extreme nicht nur sucht, sondern immanent besitzt, so ganz nach dem von Janáček selbst formulierten Credo: «Nicht nur um der Schönheit und der Lieblichkeit willen, sondern um der Lebenswahrheit willen ist der Gesang da; man ...
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Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
Massenets «Werther» hat am Zürcher Opernhaus ein freundliches Domizil; die Oper erscheint dort in regelmäßigen Abständen auf dem Spielplan. 1979 inszenierte Otto Schenk, Nello Santi dirigierte Premiere und Folgevorstellungen, in der Titelpartie gastierten José Carreras, Peter Dvorský, Neil Shicoff und Alfredo Kraus, als Charlotte alternierten Teresa Berganza und...
In letzter Zeit bin ich richtig gut drauf. So gut, dass sich meine Familie und Freunde schon ein bisschen wundern. Wahrscheinlich hatten sie damit gerechnet, dass mein Sechzigster mich vollends zum Griesgram machen würde. Aber ich habe sie angenehm überrascht. Doch am Alter liegt’s nicht. Meine Fröhlichkeit rührt daher, dass ich auf Tournee bin.
Nun ist das...
Oper als Welttheater, wuchtig-robust, gleichwohl dauernd absturzgefährdet: So etwa wäre Verdis «La forza del destino» zu charakterisieren, ein Werk nah an Kolportage und Kitsch, dennoch und zudem ein immenser Ausblick auf die condition humaine nach Art Victor Hugos – der ungewöhnlich vollmundige Titel, die jäh wechselnden Schauplätze zwischen Adelspalast, Kloster,...
