Ins Herz der Finsternis
Vielleicht lag’s an der Zueignung. Vielleicht hätten Hans Werner Henze und sein Librettist Ernst Schnabel ihr Oratorio volgare e militare nicht dem kurz zuvor ermordeten kubanischen Revolutionsführer Che Guevara widmen sollen.
Vielleicht wäre es genug der politischen (An-)Rede gewesen, sie hätten sich, wie dies jüngst dem österreichischen Schriftsteller Franzobel mit seinem Roman «Das Floß der Medusa» gedanken- und wortmächtig glückte, auf das ins Allgemeine zielende Thema beschränkt: auf die Unfähigkeit des Menschen, seiner animalischen Natur Herr zu werden, die zeitlosen Grenzen des Humanen, kurz: auf das Böse in uns.
So aber kam an diesem 9. Dezember 1968 in Hamburg, was kommen musste inmitten der politisch aufgewühlten Stimmung, mit Vietnamkrieg, Notstandsgesetzgebung und dem Attentat auf Rudi Dutschke: Wo die Kunst allein durch sich selbst sprechen sollte, sprach – befeuert durch hetzerische Artikel in der Springer-Presse – die pure Aggression. Hier provokative Transparente, unsinnige Flugblätter und noch unsinnigere «Ho Chi Minh»-Sprechchöre, dort eine hirnlos-obsessiv prügelnde Polizei. Die Folge: Eskalation, Tumult, Verletzte, Verhaftungen – aber kein einziger Ton Musik. ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 25
von Jürgen Otten
In den Jahren des Wiederaufbaus nach 1945, in denen sich die Theater personell wie räumlich erst allmählich wieder zu konsolidieren begannen, kam den Rundfunkanstalten eine besondere Bedeutung für die Bewahrung des kulturellen Erbes zu. Die Zahl der Opern, die in den 1950er-Jahren in beiden Teilen Deutschlands in den Funkhäusern aufgenommen wurden, ist Legion. Die...
Auch wenn die Berliner Philharmoniker – im Gegensatz zu ihren Kollegen in Wien – nur selten Oper spielen, lagen die Noten von Wagners «Parsifal» immer wieder auf ihren Pulten.
Das hat damit zu tun, dass sich diese Musiker eigentlich nur zu Osterfestspielen in einen Orchestergraben setzen – lange in Salzburg, seit 2013 in Baden-Baden – und dass «Parsifal», einer...
Der Meister war voll des (untergründig-ironisch getränkten) Lobes. «Was uns bei Bellini bezauberte», heißt es in einem Brief Richard Wagners an Cosima, nachdem er Wilhelmine Schröder-Devrient in «I Capuleti e i Montecchi» gehört hatte, «war die reine Melodie, der schlichte Adel und die Schönheit des Gesangs.» Besonders ein Stück des Belcantokönigs, mit dem er sich...
