Groteskes Horrorfinale: Don Giovanni (Ipča Ramanović) und Komtur (Wilfried Staber) im Kasten; davor: Masetto (Zachary Wilson), Zerlina (Shahar Lavi), Donna Elvira (Hye-Sung Na), Leporello (James Homann), Donna Anna (Irina Simmes) und Don Ottavio (Namwon Huh); Foto: Theater/Sebastian Bühler

Aus dem Eros der Musik

Ein Amoklauf, übergriffig radikal: Lorenzo Fioroni und Elias Grandy machen in Heidelberg mit Mozarts «Don Giovanni» Ernst

Opernwelt - Logo

Um «Don Giovanni» grundstürzend neu zu hören, muss man nicht zu Teodor Currentzis in den Ural oder zu Jérémie Rhorer nach Aix reisen. Heidelberg tut’s auch. Was Elias Grandy und sein Orchester dort aus der Oper aller Opern herauskitzeln, putzt auf ähnlich atemberaubende Weise die Ohren aus, lässt uns Mozarts Musik ganz neu hören.

Grandy schärft die dynamischen Kontraste, setzt auf straffe Tempi, hebt die Holzbläserfarben hervor, peitscht das erste Finale in furioser Rasanz voran, lässt die Posaunen zu Giovannis Höllensturz markerschütternd dreinfahren, schreckt selbst vor dem schieren Stillstand – wie am Beginn von Don Ottavios Arie «Dalla sua pace» – nicht zurück und befindet sich dabei stets im Einklang mit dem Regisseur Lorenzo Fioroni, dessen extremen Zugriff er bis in die geradezu ruppig heruntergefetzten Rezitative teilt.

Fioroni schminkt das Stück nicht politisch auf. Aktualität gewinnt es vielmehr durch eine radikale Theatralisierung, die die Erotik der Musik ausagiert. Ralf Käselaus Szene spielt im ersten Akt mit den Versatzstücken der barocken Gassenbühne, deren bemalte Kulissen wie improvisiert, ja karikiert wirken – vor allem die dunklen Pappwolken, die sich immer dann ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Mischklänge aus Lima

Barockmusik aus Südamerika? Das ist in der Alten Welt immer noch weitgehend terra incognita. Obwohl die kulturelle Kolonisierung des Kontinents durch Spanier und Portugiesen natürlich nicht nur über Sprache und Bilder, sondern auch über Klänge erfolgte. In den Missionsstationen und Kirchen der Eroberer gehörten Gesänge, kleine Orgelwerke, Ensembles (nach...

Editorial Dezember 2017

Im Herbst 2016 veröffentlichte die amerikanische Mezzosopranistin Susanne Mentzer im Online-Journal «Huffington Post» einen bemerkenswert offenen Text über ihre Erfahrungen im Musikbusiness. Über die gern beschwiegene Praxis etwa, dass Sängerinnen im Schnitt niedrigere Gagen erhalten als ihre männlichen Kollegen, selbst wenn die Aufgaben – Umfang und...

Gothic Seria

Musik eines 16-Jährigen, man fasst es ja immer wieder nicht. Und zu hören ist nicht nur, wie der Wunderknabe für seinen zweiten Mailänder Auftritt die Konventionen der Seria zwar nicht sprengte, aber wohl ausreizen, übertreffen, ja umrunden wollte. Deshalb schrieb er noch wahnsinnigere Rouladen, ausgreifendere Läufe, wildere Volten und steilere Sprünge in das...