Keine Chance für Gefühle
Unter den Reformopern Glucks dürfte die 1777 uraufgeführte «Armide» derzeit den höchsten Aktualitätswert besitzen: Wenn die Titelheldin erkennen muss, dass wahre Liebe in einer einzig durch Konsum und Konvention bestehenden Gesellschaft keine Chance hat, passt das auf die durchsexualisierte Welt des 21. Jahrhunderts.
Und wenn Armide am Ende von ihrem Rinaldo mit ein paar lapidaren Floskeln des Bedauerns abgespeist worden ist, stockt einem der Atem vor der Kühnheit, eine Oper nicht mit Mord und Totschlag, sondern einfach mit der Wut und dem Schmerz einer einsamen Frau enden zu lassen. Geht’s denn überhaupt moderner?
Calixto Bieito lässt jedenfalls keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Geschichte hier und heute ihren Platz hat: Aus der heidnischen Zauberin Armide ist eine Business-Frau geworden, die die Männer an der Kandare hat. Eine ganze Horde splitternackter Athleten hält sie sich als erotische Verfügungsmasse in ihrem kalt glänzenden Hightech-Palast. Wer hier Gefühle zeigt, hat schon verloren. Mit schonungsloser Deutlichkeit vollzieht Bieito den Abstieg nach, dem Armide von dem Augenblick an ausgeliefert ist, in dem sie versucht, ihre Liebe zum Ritter Rinaldo ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Kürzlich hat der Bundesverband der Musikindustrie (IFPI Deutschland) seinen Wirtschaftsbericht 2008 veröffentlicht. Zahlen, die der Branche – zumal den vier verbliebenen Großkonzernen (EMI, Sony, Universal, Warner) – wenig Freude bereiten: Die Einnahmen aus dem Verkauf von Tonträgern sind weiter gesunken – in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um vergleichsweise...
Als sich Benjamin Britten Ende der 1960er Jahre mit der Vertonung von Thomas Manns «Tod in Venedig» zu beschäftigen begann, stellte er sich einer Herausforderung, die er sein ganzes Leben über gescheut hatte. «Ich bin so mutig, das Beste zu machen, was ich jemals geschaffen habe», äußerte sich der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Komponist – ein Mut, der sich...
Saverio Mercadantes 1850 entstandene Tragedia lirica «Virginia» stand schon lange auf der Wunschliste des Schatzsucher-Teams von Opera Rara: Die Auftrittsarie des Schurken Appio war bereits vor zwölf Jahren Teil eines Recitals, das der damalige Haustenor Bruce Ford für das englische Spezialisten-Label einspielte.
In der Aufnahme, die nun als dritte...
