Das ureigene Potenzial
Herr Brownlee, im vergangenen Jahr haben Sie sich in Seattle den Don Ottavio vorgenommen, gerade in der Münchner «Così fan tutte» den Ferrando – ein Rossini-Tenor auf dem Weg zu neuen Ufern?
Das kann man nicht ganz so sagen. Ich kehre zurück zu Mozart. Den Ferrando habe ich schon während meines Studiums gesungen. Okay, das ist 20 Jahre her ... Meine ersten beiden Rollen waren tatsächlich Tamino und Ferrando, dann folgte Bastien. Irgendwann bekam ich die Möglichkeit, Rossini zu singen. Das funktionierte – und ab sofort war er «mein» Komponist.
Mussten Sie Ihre Stimme für die Rückkehr zu Mozart irgendwie verändern, sie in eine Richtung pushen?
Nein, es sind einfach verschiedene Herangehensweisen. Rossini hat diese blühenden Linien, die Verzierungen. Es ist eine Art Sport. Wir Sänger sind da als Feuerwerker unterwegs. Koloraturen bei Mozart bedeuten dagegen etwas ganz anderes, sind weniger Selbstzweck. Hohe Cs finden sich bei ihm nicht, für Ferrando braucht man ein hohes B, ansonsten liegt die Tessitura der Mozart-Tenöre tiefer als bei Rossini. Das Kniffligste bei Mozart: Er lässt einem keine Möglichkeit auszubrechen, die Fokussierung auf die vorgeschriebene Linie ist viel stärker.
Ist ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Interview, Seite 30
von Markus Thiel
«If you can’t beat them, join them!», sagt man im Englischen: Wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen. Als in den 1920er-Jahren eine Modewelle nach der anderen von den USA gen Europa hinüberschwappte, folgte so mancher Operettenkomponist im deutschsprachigen Raum diesem Rat. Peppte die Partituren mit – mehr oder weniger gut nachempfundenem –...
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Wenn das so weitergeht, dürfte er irgendwann die Gestik ganz einstellen. Ein aufmunternder Blick, ein Handgelenksschlenker, im Ernstfall eine hochgezogene Augenbraue, das könnte dann reichen. Immer sparsamer wirkt das, was Christian Thielemann auf dem Podium macht: Die Verklärung des Handwerks hat bei ihm schon jetzt eine sehr entscheidende, sehr sichtbare Stufe...
