Bittersüße Rache
Kinder, sagt man, können grausam sein. Sie quälen Tiere, streuen heimlich Reißzwecken auf Lehrerstühle, und manchmal vergreifen sie sich auch an ihresgleichen. Einfach so. Aus Lust, vielleicht aber schon mit dem Wissen darum, dass Macht eine geradezu magnetische Anziehungskraft besitzt. Die Szene, die sich während Ouvertüre und Introduktion zu Fromental Halévys «La Juive» auf der Bühne der Staatsoper Hannover abspielt, bestätigt diesen Eindruck.
Ein Junge hüpft durch die mit Kreide auf den Boden gezeichneten Quadrate, dorthin, wo er zuvor einen kleinen Stein hingeworfen hat, konzentriert, selbstvergessen, verspielt. Doch während eine jubelnde Menge auf einer Tribüne am linken Rand Platz nimmt und die Lobpreisung des Herrn anstimmt, tritt ein anderer Junge hinzu und stößt ihn brutal zur Seite. Ohne Sinn, ohne Verstand.
Aber nicht ohne Grund. Denn sein Opfer trägt eine Kippa auf dem Kopf. Er nicht. Und darin liegt die tieftraurige Botschaft dieses Vorfalls. Es ist der Christenjunge, der den Judenjungen malträtiert. Weil er anders ist, weil er an einen anderen Gott glaubt. Und weil er, der Christenjunge, glaubt, seine Religion sei die bessere, rechtgläubige: orthodoxe. Die Freiheit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Er ist immer da. Kritzelt was an die Tafel hinter dem Schreibtisch. Greift sich ein Buch aus dem turmhohen Regal. Hockt faul im Liegestuhl am Meer. Kurvt auf dem Drahtesel durch die Sommerfrische. Schaut zwei jungen Damen beim Federballspiel zu. Fachsimpelt mit dem Mechaniker der Fahrradwerkstatt. Und fliegen kann er auch, gleitet samt Velo durch den Äther, sehr...
Die Ehrfurcht vor Goethe war im eigenen Land so groß, dass sich im 19. Jahrhundert niemand an eine musikalische Verarbeitung des «Faust»-Stoffs wagte. Romanische Komponisten wie Charles Gounod oder Hector Berlioz, die mehr oder weniger erfolgreich in die Bresche sprangen, betrachtete man östlich des Rheins mit Argwohn. Von Goethes Drama angezogen fühlte sich auch...
Alfredo Casella (1883-1947) war ein Hauptvertreter der so genannten «generazione dell’ottanta», die sich radikal von der spätromantischen Wagner-Nachfolge wie vom italienischen Verismo abwandte und die Zukunft der Musik in der Rückbesinnung auf die alten Formen, in einem bewussten Klassizismus sah. Im Musiktheater bedeutete das eine Abkehr von mythologischen und...
