Vexierbilder
Bei aller Düsternis, Schwärze und depressiven Kraft hat der Abend auch etwas von einer Etüde. Er wirkt so, als wolle die Oper sich versuchsweise mit dem sogenannten postdramatischen Theater abgleichen. Als würde Andrea Breth, die nicht nur vom Schauspiel kommt, sondern auch Schauspiel unterrichtet, mal ausprobieren, wie viel man rüberholen kann in die andere Gattung. Also werden die Elemente des Theaters so kräftig auseinandergetrieben, wie es bei einer achtzig Jahre alten, für den Guckkasten geschriebenen Literaturoper eben geht.
Konkret heißt das: Der Text transportiert nicht mehr Rede und Gegenrede. Die Figuren sind keine Charaktere. Die Handlung läuft nicht mehr linear ab. Stattdessen: Ereignisse, die sich durch Wiederholung und Differenz ergeben; Vexierspiele, die sich gegen semantische Eindeutigkeit sträuben; autonom Theatrales, das hermeneutische Umarmungen von sich weist. Noch konkreter heißt das: Die Figuren singen und schauen sich nicht an, sondern aneinander vorbei. Sie spielen keine Geschichte, sondern bewegen sich starr und schablonenhaft. Doppelgänger allesamt. Untote, die schon einmal da waren und wiederkehren. Slow Motion ist angesagt. Ritual auch. Es gibt nicht ...
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Opernwelt Mai 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch
Zeitgenössische Opern sollten nach ihrer Uraufführung eine zweite Chance erhalten. Von dieser kulturpolitisch sinnvollen Forderung profitieren leider selten die sperrigen Werke (es sei denn, sie genießen den Kultstatus von Helmut Lachenmanns «Mädchen mit den Schwefelhölzern»), sondern meist Opern, die an das Repertoire, die Tradition, das klassische Gesangsideal...
Wer bin ich? «Ich bin die Vielen» – in dieses philosophische Paradoxon soll der Maler Egon Schiele seine künstlerische Persönlichkeit gekleidet haben. Ähnliches hatte ein Anonymus als Graffito an die Berliner Mauer gesprayt: «Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?» Wir lasen dieses Zitat kürzlich in der «Neuen Zürcher Zeitung» – im Zusammenhang mit einem Bericht über...
Da kneift man sich diesen ganzen Freiburger «Rigoletto» hindurch: Eine Bühne, die es mit Ligeti, Kagel und Penderecki, mit dem Strauss der «Elektra», jüngst einem hochrespektablen «Lohengrin»und zum wiederholten Mal dem kompletten «Ring»aufnimmt – diese Bühne erlebt beim mittleren Verdi ein Problem nach dem anderen. Vor allem staunt man, wie schwer diese...
