Editorial

Opernwelt - Logo

«Heute findet jede Zeitung / größere Verbreitung durch Musikkritiker / Und so hab auch ich die Ehre / und mach jetzt Karriere als Musikkritiker», schnodderte Georg Kreisler in den Sechzigern mit herrlich gerolltem «rrr». Der Rezensent in seinem Song hat von Tuten und Blasen keine Ahnung, dafür rächt er sich an den Künstlern. Er hat mit dem Publikum rein gar nichts gemein und, vom Zuvielsehen zynisch geworden, noch am Allerschönsten was zu mäkeln.

Er hasst Musik! Und meint, dass ein saftiger Verriss der größte Spaß sei – wen kümmert’s da, ob die Niedergemachten sich eine Woche heulend verkriechen? Die Nummer wird bis heute gern zitiert. Weil Kreisler der Zunft und ihren Lesern so schön die Ohren langzieht.

Dass Rezensionen, Reportagen, Analysen zum Musikleben auf den Chefetagen der Tageszeitungen als unverzichtbar gelten, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Seit Jahren schrumpft in den Redaktionen das Fachpersonal. Wie der Pharmazeut aus Kreislers bösem Lied die neue «Aida» im Stadttheater fand, steht ja sowieso in irgendeinem Blog. Karriere kann man mit fundierter Musikkritik kaum mehr machen. Was freilich nicht heißt, dass sie überflüssig geworden ist. Nur gut muss sie sein! ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Wiebke Roloff & Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Alles und Nichts

Schon merkwürdig, wie routiniert, beinahe ungerührt die Musiker des Wuppertaler Sinfonieorchesters Lulu exekutieren. Der berstende Akkord, mit dem Berg ihr grausames Ende markiert, das zu einem schreienden Memento geschichtete Vertikalbild der Zwölftonreihe, die seiner Wedekind-Oper zugrunde liegt, kommt so verhalten, so beiläufig, als sei nichts passiert....

Warteschleife

Mit etwa 25 Millionen Euro ist das Teatro Lirico in CAGLIARI verschuldet. Schon seit einigen Jahren lebt die Kompanie von der Hand in den Mund. Ist man ausnahmsweise mal flüssig, wird ­zunächst das fest angestellte ­Personal bedient. Andere Kräfte, zumal auswärtige, müssen sich gedulden, drohen am Ende gar leer auszugehen. So warten einige Solisten und...

Unterwegs zu Wagner

Ein Nein, ein Ja – welch ein Wechselbad für die Aficionados. Die Norma, ursprünglich im Herbst an Londons Royal Opera House geplant, liege inzwischen außerhalb ihrer Möglichkeiten, gab Anna Netrebko unlängst bekannt. Um gleichzeitig in sechswöchiger Vorbereitungszeit den für sie (fast) unbekannten Wagner-Kontinent zu erkunden. Im weißen Kleid der Jungfrau von...