Auf Grund gelaufen
Das Stück berührt immer noch. In der als inszeniertes Konzert angekündigten Aufführung von Henzes Dokumentar-Oratorium «Das Floß der Medusa» in der Bochumer Jahrhunderthalle gerät das Werk allerdings in seichtes Gewässer und läuft, um im Bild zu bleiben, ähnlich spektakulär auf Grund wie die Fregatte «Medusa» 1816 bei dem Versuch, den Senegal für Frankreich zurückzuerobern. Während sich damals die Oberen auf die Boote retteten, überließen sie das gemeine Volk – die «Allzuvielen», wie sie im Libretto heißen – auf einem schnell gezimmerten Floß dem Schicksal.
Die wenigen Überlebenden wurde erst nach 13 Tagen zufällig von einem Schiff aufgelesen – Boatpeople wie die jetzt im Mittelmeer treibenden Flüchtlinge, allerdings in umgekehrter Richtung. Théodore Géricault hat diesen Moment in einem monumentalen Gemälde festgehalten, dessen aufrührerisches Pathos Henze bei der Komposition vor Augen stand. Er ergreift Partei für die Opfer, aber poetisch, nicht agitatorisch. Die Schönheit der Musik kann ihre politisch-revolutionären Aussagen – «belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen», wie es im Schlusswort des Sprechers heißt – nicht aufheben.
Zur Aktualisierung taugt das Che ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Uwe Schweikert
Man schreibt das Jahr 2004, da suchte das Theater Heidelberg einen Generalmusikdirektor. Ein Hannoveraner überzeugte beinahe alle – nur das Orchester hielt ihn mit 24 Jahren für zu jung. Widerwillig billigte es dem Aspiranten eine Probe-Aufführung zu, «Tannhäuser». Er kannte das Stück als Korrepetitor, dirigiert hatte er es nicht. Und so betrat er am 3. Juni,...
Endlich. Endlich hat sich einer getraut, die gigantische Leere der Bochumer Jahrhunderthalle für sich sprechen zu lassen. Bei Christoph Marthaler ist der Riesenraum nicht spektakuläre Location, schon gar nicht schrundige Hülle für wilden Kulissenzauber. Sondern ein Protagonist sui generis. Ein schlafendes Ungeheuer, in dessen Bauch aus Stein, Glas und Stahl ein...
Das Schlusswort haben die Streicher. Ein Ton, der wie verlöschendes Feuer glimmt, ein letztes Mal Licht spendet, bevor es dunkel wird und still. Ein sehrend schwingender Strahl, er trifft ins Mark. Was kann jetzt noch kommen? Niemand weiß es. Auch Schönberg wusste es nicht. Mit diesem im Offenen verhallenden Ton endet «Moses und Aron», sein unvollendetes...
