Szenen ohne Worte

Sarah Nemtsov komponiert an der Schnittstelle zwischen absoluter Musik und Musiktheater

Opernwelt - Logo

Die amerikanische Avantgarde-Schriftstellerin Gertrude Stein träumte davon, Bilder in Texte zu «übersetzen». Ausgangspunkt waren die kubistischen Kompositionen ihrer Malerfreunde Picasso und Braque. Dabei ging es ihr nicht um die Beschreibung ästhetischer Erfahrung, sondern um die Nachbildung von Strukturen, Rhythmen, Farbwerten mit den Mitteln der Sprache, gleichsam um eine Transsubstantiation abstrakter Bildwerke in Literatur. Ob Steins Experimente die ­Oldenburger Komponistin Sarah Nemtsov (Jahrgang 1980) beeinflusst haben, wissen wir nicht.

Doch wer sich auf Nemtsovs Arbeiten einlässt, spürt alsbald, dass auch bei ihr das Interesse an verborgenen Kongruenzen zwischen den Künsten den kreativen Prozess entzündet.

Antrieb und formbildende Kraft der Klangfantasie sind meist literarische Texte, die um verlassene, verlorene Orte oder Menschen kreisen. Melancholische Erinnerungsprosa wie Benjamins «Berliner Kindheit um neunzehnhundert», Prousts «A la Recherche du temps perdu» oder Erzählungen von W. G. Sebald («Die Ausgewanderten»). Ihren sechsteiligen Zyklus «A LONG WAY AWAY. Passagen» (2010/11) bezieht Sarah Nemtsov explizit auf diese Autoren. Freilich hat sie nicht eine einzige ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 35
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
«Wo für Dich kein Platz ist, hab' ich auch nichts zu suchen!»

Ein Dirigentenstar als Vorkämpfer der Avantgarde – diese Konstellation gibt es in der Interpretationsgeschichte des 20. Jahrhunderts nur höchst selten. Als 1923 der Klavierauszug von Alban Bergs «Wozzeck» erschien, war der gerade zum Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper ernannte Erich Kleiber der Einzige, der sich für die Uraufführung des Werks...

Jugendlich

Vierzehn Tage nach Absage der Händel-Festspiele herrscht Kaiserwetter in Halle. Von Flutschäden ist nichts mehr zu sehen. Nur die Verantwortlichen streiten öffentlich, ob die Absage nötig war. Halles Opernintendant Axel Köhler holt seine ausgefallene Premiere, Händels erste Oper, «Almira, Königin von Kastilien» (1705), nach, weil das Haus die Produktion braucht.

Wer...

Dramatischer Atem, blasses Pathos

Erfreulich viel hat sich in Sachen Massenet seit den Pioniertaten von Richard Bonygne getan. Fast vier Jahrzehnte nach dessen verdienstvoller «Thérèse»-Aufnahme ist jetzt eine beglückende Neueinspielung der veristischen Kurzoper herausgekommen, mit Alain Altinoglu an der Spitze des Orchesters der Oper von Montpellier, in der luxuriösen Edition der Stiftung...