Selbstfindung
Schon in wilhelminischer Zeit, lange vor der sogenannten sexuellen Revolution der 1960er-Jahre, gab es Bestrebungen, die prüde Leibfeindlichkeit der katholischen Kirche durch Propagierung einer neuen Freikörperkultur zu überwinden. Auch die 1916 bis 1924 entstandene und 1926 in Warschau erstmals vorgestellte Oper «Król Roger» von Karol Szymanowski kreist um diese Thematik. Ihr Titelheld, der normannische König Roger II. von Sizilien, ist auf der Suche nach innerer Freiheit zwischen asketischer Disziplin und dionysischer Verführung.
Am Berner Theater kam das Meisterwerk des 1882 in der polnischen Ukraine geborenen Komponisten jetzt 93 Jahre nach seiner Uraufführung erstmals auf eine Schweizer Bühne.
Szymanowski hat Jarosław Iwaszkiewiczs Libretto zu «Król Roger» mitgestaltet und die Hauptfigur autobiografisch eingefärbt. Schon vor Beginn der Komposition war er sich in Taormina an der Ostküste Siziliens seiner Homosexualität beim Anblick badender Knaben bewusst geworden. Auch die Schauplätze der Handlung (byzantinische Kirche im ersten, königlicher Palast im zweiten, Ruine eines antiken griechischen Amphitheaters im dritten Akt) sind von diesem Aufenthalt inspiriert. König Roger ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Werner M. Grimmel
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