Geliehene Kantilene
Der Polizeichef von Venedig singt mit hoher Sopranstimme. Vor TV-Kameras und Rundfunkmikros gibt er sich absolut sicher: Die Brandstifter werden gefasst. Seine Musik kommt uns irgendwie bekannt vor. Genauer: seine elegant durch Oktaven tänzelnde Melodie. Die Harmonien freilich reiben mehr im Ohr als gewohnt, und auch mit dem Rhythmus stimmt etwas nicht. In Ligetis «Le Grand Macabre» ist der Polizeichef ebenfalls ein hoher Sopran. Doch diese Melodie hier hat mit Ligeti definitiv nichts zu tun. Sie ist Futter für Kolorateusen, die sich auf Belcanto verstehen.
Woher sie stammt, wird uns am nächsten Tag der Komponist verraten. Vorerst steht fest: Der Polizeichef, der da in Gestalt der virtuosen Sirkka Lampimäki erklärt, man habe alles im Griff, liefert eine Show für die Medien. Er muss das tun. Denn kurz zuvor ist La Fenice in Flammen aufgegangen, das Kleinod der Stadt, Schmuckkästchen und Symbol ihrer musikalischen Tradition. Wenige Szenen später wird zumindest einer der Täter gefasst. Im Gefängnis hat er eine herrliche Lamento-Arie, und auch diese Musik kommt uns bekannt vor. Sie ist weniger verfremdet, und deshalb funktioniert das Klanggedächtnis besser: Ja, das muss die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Stephan Mösch
Seit 1600 sind an die zehntausend Opern geschrieben worden – eine Riesenpartitur, die beständig wächst. Als «Gesamtoper» hat Alexander Kluge diesen Schatz einmal bezeichnet. Im Grand Théâtre du Provence ist er nun um ein weiteres Stück bereichert worden, um ein spannendes dazu: George Benjamins «Written on Skin», die (nach der kleinformatigen...
Selten ist im Vorfeld einer Premiere so viel schiefgelaufen wie jetzt im Mannheimer Nationaltheater bei Johann Christian Bachs «Temistocle», einer Reformoper, die 1772 in Mannheim uraufgeführt und seither kaum mehr gespielt worden ist. Ursprünglich sollte sie szenisch von Achim Freyer betreut werden. Als dieser sich entschied, als «Ring»-Regisseur einzuspringen,...
I
Eine halbe Stunde noch. Im Vorhof des barocken Hôtel Maynier d’Oppéde stehen schon an die fünfzig Neugierige Schlange. Sicher ist sicher: Die Plätze sind schnell weg in den öffentlichen Meisterklassen der Académie européenne de musique, die das Festival in Aix seit 1998 veranstaltet. Man scherzt, winkt sich zu, plaudert entspannt über die Hitze, die Familie, das...
