Orakel im Parkett
Nicht wenige Inszenierungen haben aus «Idomeneo» – mit wechselndem Erfolg – eine Art «Götterdämmerung» gemacht. Doch die behält sich Vera Nemirova für das kommende Jahr zum Abschluss ihrer «Ring»-Deutung in Frankfurt vor. Im nahe gelegenen Mainz hat sie Mozarts Dramma per musica auf menschliches Maß gebracht: Der traumatisierte Kriegsheimkehrer erlebt tiefgreifende, sehr persönliche Konflikte, für die es keiner göttlichen Weisung per Orakelspruch bedarf.
Dieser erfolgt nicht unsichtbar, durch die Stimme eines Deus ex Machina, der das Leben des Idamante rettet, ihm Macht und die Hand der Ilia schenkt: In Mainz sitzt ein Sänger unbemerkt im Parkett, springt auf und weist das Geschehen in die richtigen Bahnen. Das kann allerhand bedeuten, zum Beispiel eine Demokratisierung der Beziehungen zwischen Göttern und Menschen: Verkörperte die Seria einst das himmlische und irdische Machtgefüge zur Huldigung der Herrscher, sitzt heute eben der neue Souverän im Theater.
Der Schluss ist gebrochen: Die tote Elettra steht wieder auf, die Sänger beglückwünschen sich gegenseitig, der Kollege aus dem Publikum kommt auf die Bühne. Es ist ein eindrückliches Fragezeichen, das hier mit einiger ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Claus Ambrosius
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