Gleichgewicht des Verrats
Der Irrweg eines gefeierten, dann vergessenen oder verschollenen, schließlich neu ausgegrabenen Künstlers oder Werkes kann faszinierend sein. Es muss jedoch in der ästhetischen Substanz der Stücke ein Mehrwert zugrunde liegen, der die Menschen in ferner Vergangenheit hinriss und nun den Nerv erneut trifft. Ob das bei Simon Mayr (1763-1845) auf Dauer der Fall sein wird, ist trotz der aktuellen Wiederbelebung seiner 1813 in Neapel uraufgeführten Oper «Medea in Corinto» höchst ungewiss. Das Theater in St.
Gallen im vergangenen Herbst und die Bayerische Staatsoper jetzt haben ambitionierte Neuinszenierungen gewagt – und dabei zunächst gewonnen. Aber es bleiben Fragen.
Bisher war der bescheidene Nachruhm des in der Nähe von Ingolstadt geborenen Komponisten Johann Simon Mayr, den es ins norditalienische Bergamo verschlagen hatte, vor allem dadurch verbürgt, dass er Lehrer des großen Donizetti gewesen ist. Mayrs eigene Kompositionen hingegen, stilistisch in der Nähe Mozarts, Cherubinis und Rossinis, wurden als zweitrangig angesehen oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Ein entscheidendes musikalisches Pfund der Münchner Neuproduktion in der Regie von Hans Neuenfels, der damit zum ersten ...
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