Unaussprechliches Heim
Das Libretto von Morton Feldmans Oper «Neither» hat auf einer Postkarte Platz – der Postkarte, die der Dichter Samuel Beckett dem amerikanischen Komponisten auf dessen Wunsch 1976 von Berlin nach Buffalo schickte, um genau zu sein.
87 Wörter evozieren das vage Bild eines Menschen, der umherirrt zwischen zwei «erleuchteten Zufluchten», deren Türen sich jeweils schließen, wenn er näherkommt, sich öffnen, wenn er weggeht; am Schluss verheißt ein drittes, schwaches, aber beständiges Licht ein «unaussprechliches Heim» – den Tod?
Feldman zerlegt diese Vorlage bis zur Unverständlichkeit und lässt sie, angereichert mit vielen Vokalisen, von einer Sopranistin singen, deren Stimme in extreme Höhen dringt. Das groß besetzte Orchester setzt er vorwiegend in Klangblöcken ein; es spielt einfache Patterns, die sich in klangsinnlich ausgehörten Variationen wiederholen und so eine große Kreisbewegung schaffen. Es gibt keine Regieanweisungen, weder Handlung, noch Figuren. Das singende Subjekt, der Angelpunkt traditioneller Operndramaturgie, hat sich aufgelöst; einzig seine Stimme ist zu hören.
Das Konzert Theater Bern hat sich an das radikale Werk gewagt und gastiert damit erstmals in einem Zentrum ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Alfred Ziltener
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