Zündendes Debüt
Die Sandsäcke an der Rampe und die Granateneinschläge, die noch vor dem ersten Ton des Orchesters donnern, die Flower-Power-Jeansrock-Lässigkeit von Salome, das schlichte Anzugsgrau der Hofgesellschaft und die Kampfkleidung der Soldaten – all das behauptet in Meiningen szenisch zunächst einmal die Gegenwärtigkeit eines über hundert Jahre alten Stücks, dessen Sujet bis in biblische Zeiten zurückweist.
Auch die Gefangenen in der unteren Etage eines nüchtern stilisierten, verglasten Wüstenstützpunktes mitten in einer Endzeitkulisse deuten auf eine leidlich bekannte und höchst aktuelle Dynamik: Gewalt und Gegengewalt. Und doch hält sich Regisseurin Andrea Moses nicht mit Äußerlichkeiten auf. Sie versucht sozusagen von innen her «Salome» zu analysieren. Weil sich Salomes Werben um Jochanaan von der begehrenden Obsession und deren Abwehr zu einem grundsätzlicheren Konflikt weitet – Liebe, Leben, Körperlichkeit versus Askese, Jenseits, Heilserwartung –, geht die junge Frau bis zum Äußersten: Sie berückt den Vater Herodes und den Propheten Jochanaan mit demonstrativer Nacktheit. Und weil Salomes Tanz, bei dem sie vor allem die anderen tanzen lässt, zu einem letzten Diskurs gerät, den nur ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wenige Tage nach dem Tod Benno Bessons brachte sein legendärer Ausstatter aus Zeiten der Zusammenarbeit an der Volksbühne und dem Deutschen Theater Berlin seine erste Inszenierung eines italienischen Melodramma heraus. Doch Ezio Toffoluttis «Lucia di Lammermoor» am Essener Aalto-Theater machte schmerzlich spürbar, was wir an Besson verloren haben: Sie ist szenisch...
Im Fall der traditionellen chinesischen Oper (xiqu) lässt sich von einem Gesamtkunstwerk der performativen Künste sprechen. Schamanistische Praktiken, Tänze, Jahrtausende alte Ringkämpfe und Hochstemmwettbewerbe, Schwertschlucker und Zauberer aus dem Römischen Reich, die über die Seidenstraße ins «Reich der Mitte» gereist waren, oder Bambusstamm-Equilibristen aus...
Sie haben sich persönlich gekannt und in gewisser Weise geschätzt, aber in künstlerischer Hinsicht können sie als Antipoden gelten: Alfredo Catalani, der letzte Romantiker der italienischen Oper, und Pietro Mascagni, der «Erfinder» des musikalischen Verismo. Catalani starb, nachdem er mit «La Wally» (1892) im Opernbetrieb endlich Fuß gefasst hatte. Mascagni, der...
