Foxtrott und Kunstpriesterliches

Lieder von Poulenc, Mahler, Korngold, Hauer und unbekannten englischen Komponisten

Opernwelt - Logo

Bei Francis Poulenc spürt man, was das Kunstlied im Grunde ist: gesungene Literatur. Seine Mélodies greifen fast immer auf Verse höchsten Anspruchs und lebender Dichter (also der Surrealisten) zurück. Im Biotop Paris, wo jeder jeden kannte, war das auf persönliche Weise möglich. Sie sind, was Rimbaud von einer Kunst auf der Höhe der Zeit verlangte: absolut modern. Und sie dichten die Gedichte musikalisch weiter, ohne sie zu erklären.

Insofern ist es kühn, wenn der schottische Lied-Spezialist Malcolm Martineau und das Label Signum Classics in Zeiten, in denen Gedicht-Rezitationen nicht gerade «in» sind, eine neue Gesamtaufnahme seines Lied-Œuvres starten. Kühn auch, weil es eine authentische Gesamtaufnahme bei EMI gibt, an der Poulenc, seine Vertrauten (Pierre Bernac!) oder diejenigen, die noch in seiner Stiltradition standen, mitwirkten. Martineaus Poulenc bietet nun eine von historischer Patina freie «re-lecture».

Die ersten beiden Volumes wirken nervös, übereifrig, zuweilen auch zeigefingrig. Die schöne Natürlichkeit der Referenzaufnahme weicht permanentem Überdruck. Selbst die Nonchalance wird dick unterstrichen. Martineau nimmt die Sforzati immer einen Tick zu laut, die Tempi zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2011
Rubrik: Medien | CDs, Seite 33
von Boris Kehrmann

Weitere Beiträge
Leuchtspur des Begreifens

Als er sich kürzlich nach der Premiere von Schoecks «Penthesilea» auf der Bühne der Frankfurter Oper blicken ließ, gab es kein einziges Buh. Hans Neuenfels verbeugte sich – und wurde gefeiert. Wie sich die Zeiten ändern. In Frankfurt tobten einst seine härtesten Opernstürme, in der Ära von Michael Gielen und vorher schon, als er eingeladen wurde von Christoph von...

Der 11. September

Er wurde ein echter amerikanischer Held: Rick Rescorla, die Hauptfigur der neuen Oper von Christopher Theofanidis und der Librettistin Donna DiNovelli. Geboren und aufgewachsen im englischen Cornwall kämpfte er zunächst als Söldner in Rhodesien, bevor er sich bei der US-Armee als Freiwilliger meldete und im Vietnamkrieg durch Tapferkeit auszeichnete. Seine größte...

Opern für einen bedächtigen Herrscher

«Der König tanzt» («Le Roi danse») – Gérard Corbiaus Film über das Musikleben im Versailles Ludwigs XIV. rückt mit größter Selbstverständlichkeit das Ballett ins Zentrum. Ludwigs politischer Kontrahent, der Habsburger Leopold I., war ein schlechterer Tänzer, aber ein besserer Musiker als der Franzose: Er spielte Cembalo und Geige und komponierte selbst, vor allem...