Mal ehrlich Juni 2018
So lange ich denken kann, hat mir der eiserne Grundsatz gute Dienste geleistet: auf Tour nie bei Verwandten wohnen! Nicht, dass ich was gegen die Familie hätte. Es ist bloß so: Wer nicht selbst ein Musikerleben lebt, hat von unserm Tun und Treiben nur eine vage Vorstellung, weiß kaum, was der Job erfordert. Unschuldigen Zivilisten den Künstler-Rhythmus aufzwingen, die ausgefallenen Schlafenszeiten, die Essgewohnheiten? Nein, danke. Mal ehrlich, wenn sich ein Sänger eine eigene Bleibe mietet, ist das Leben für alle entspannter.
Für Proben in Glasgow habe ich mit dieser Regel allerdings gebrochen. Hier residiert die letzte mir noch verbliebene Tante. 81 Jahre ist sie alt, seit Kurzem Witwe. Sie denken an Kaffee und Kuchen, an Puzzles und Pendeluhren? Weit gefehlt. Tantiges hat meine Tante rein gar nichts an sich. Ich liebe Dodo – und Dodo liebt den Wein. So groß ist diese Liebe, dass sie einst sogar einen landesweiten Sommelier-Wettbewerb gewonnen hat. Wenn ich spätabends von der Probe komme, wartet sie mit dem Korkenzieher im Anschlag. Köpft Vintage-Champagner, dekantiert feinen Bordeaux, sagt: «Wir haben heute noch was Wichtiges vor. Hol du schon mal den Käse aus der Küche: Ich habe ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 71
von Christopher Gillett
In der Gewohnheit ruhe das Behagen, fand Goethe. Damiano Michieletto kann dem Dichterfürsten in dieser Hinsicht wohl wenig abgewinnen; seine Inszenierungen suchen das Andere, Ungewohnte. So ließ er Puccinis «La Bohème» bei den Salzburger Festspielen teilweise in einem vermüllten Matratzenlager spielen, verortete Verdis «Falstaff» an gleichem Orte in der Mailänder...
Herr Kowaljow, Sie haben als Mechaniker und bei der Feuerwehr gearbeitet, sind auch Soldat gewesen. Sind Sie rein zufällig professioneller Sänger geworden?
Es kam zunächst für mich überhaupt nicht in Frage. Von 1987 bis 1989, also noch zu Sowjetzeiten, diente ich für die Rote Armee am Nordpol und hatte das Kommando über 34 Soldaten. Eigentlich wollte ich meine...
Versunken sitzt er da. Die Schultern eingezogen. Die Arme auf dem provisorischen Schreibtisch ausgebreitet. Tief gebeugt über das unvollendete Werk. Als laste alles Unrecht unter der Sonne auf ihm. Als drücke der Erdenkreis ihn nieder, um dessen schreiend zartes, wimmernd wunderbares Klangbild er hier, in der Stille der römischen Villa Massimo, kämpft. Ein...
