Kulturkampf in der Grauzone
Ist plötzlich die Last von ihm abgefallen? Der innere Druck intensiver Probenwochen? Die Krisen des zweijährigen Ringens um ein Stück, ein Genre, das wie ein Buch mit sieben Siegeln erschien? Sind sie plötzlich verflogen, die Zweifel, Skrupel, bohrenden Fragen, die so lange im Kopf herumspukten? Wieder und wieder hatte er sie mit «der Bettina» (Bartz) und «dem Luc» (Joosten), seinen Dramaturgen, durchdekliniert.
Aber jetzt ist es, als wäre ein Schalk in den Mann gefahren, der da in einem Seitenfoyer der Genter Oper frisch, fröhlich, frei aus dem Nähkästchen plaudert und die Ruhe weg hat, eine halbe Stunde vor der Premiere.
«Die Bibel», scherzt Peter Konwitschny und nickt neckisch zu einem circa fünf Pfund schweren Buchkoloss hinüber, der sein Lebenswerk dokumentiert. Der Untertitel des Bandes: «Oper als Zentrum der Gegenwart». Ein großes Foto ziert den Schutzumschlag, lachend nimmt uns der große Operndeuter, der altmeisterlich junge Theateraufklärer ins Visier, das Ohr auf Empfang gestellt. In schlanken Lettern ruft es aus ihm heraus: «Mensch, Mensch, Mensch!» Sein brechtianisch, berghausianisch gefiltertes «ecce homo». Sein Appell, sich nie, nie, nie zu beruhigen angesichts der ...
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Opernwelt Juni 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann
Dank ihres hohlen Rufs, der wie ein Hilfeschrei verlorener Seelen klingt, spielt die Eule die Rolle als Botin von Ungemach bis ins Triviale hinein; selbst Edgar Wallaces Schwarze Äbte fürchten ihn. Ein Memento-mori-Vogel, aber auch Mittler himmlischer Weisheit. Man denke an die Eule der Minerva, die freilich, so beschrieb es Hegel, ihren Flug erst zur einbrechenden...
Jedes Land besitzt so viele Nationalopern, wie es verträgt. Zum Beispiel Dänemark. Man kennt «Maskarade» und «Saul und David», komponiert von Carl Nielsen. «Wenn man beide ansetzt», sagt der Intendant der Königlichen Oper von Kopenhagen, Sven Müller, «so sollte man bedenken, dass man sie nicht doppelt besetzen kann.» Für mehr als zwei dänische Nationalopern reiche...
Wir hatten schon so etwas geahnt. Der Buschfunk aus der Herbert-von-Karajan-Straße, die wilden Spekulationen in den Medien, die Hysterie vor dem Tag aller Tage ließen keinen Zweifel: Die Wahl des neuen Chefs bei den Berliner Philharmonikern wird eine Hängepartie mit offenem Ausgang. Thielemann oder Nelsons? Vielleicht doch Chailly? Trotz allem eine Anfrage bei...
