Volle Herzen
Und dann ist da plötzlich dieses irre Bild. Eine Hochhausfront, hässlich und glatt, die Fassade mausgrau, wie ungewaschene Wäsche; davor ein von Maschendrahtzaun gesäumter Menschenkäfig zur Rechten sowie ein versiffter Treppenaufgang zur Linken. Mittendrin die Protagonisten der Vergeblichkeit, die – eine optische Täuschung macht’ s möglich – größer scheinen als sie sind in der Puppenstube namens Problemkiez, in den Ausstatter Christopher Melching das geschichts- und geschichtenreiche Quartier Latin auf der Bühne des Stralsunder Theaters verwandelt hat.
Erst in der dritten Szene von Puccinis vermeintlichem Schmachtfetzen «La Bohéme» findet Horst Kupich hinaus aus dem Kitschbecken, in dem zuvor seine Arbeit für das Theater Vorpommern relativ ziellos herumwaberte. Jetzt kommt das Stück zu sich und wird evident, dass es sich um eine eher triste Sozialstudie handelt, der nichts von jener schwärmerischen Verklärung anhaftet, die so gerne mit dem Begriff der Bohème in eins gesetzt wird – Realität ist eben etwas doch anderes als die Vorstellung von ihr; war es 1830, 1896 und auch zu jener wildwuchernden Zeit, als in Paris nicht nur die eine (politische) Rebellion versucht wurde, sondern ...
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Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Jürgen Otten
Die Stücke, die Kurt Weill nach seiner Vertreibung aus Nazi-Deutschland für den Broadway schrieb, wurden, da dem Kultur- und Lebensstil Amerikas verpflichtet, in Europa lange kaum beachtet, tauchen aber inzwischen doch häufiger auf den Spielplänen auf – zuletzt «Love Life» in Freiburg (siehe OW 2/2018). Jetzt zieht Münster mit der 1947 uraufgeführten, nach wie vor...
Mitte Dezember, ein Samstagmorgen auf dem Hauptplatz in Biel. Markant das in die Häuserzeile eingebaute Stadttheater, davor herrscht Wochenmarkt. Bunt ist das Angebot, es wird gelacht und geplaudert – man kennt sich eben. Vielleicht wird auch über die Opernpremiere von gestern gesprochen, einen Abend mit zwei Einaktern aus dem späteren 20. Jahrhundert. Vor der...
«Wozu darüber reden? Jeder weiß doch Bescheid. Alle wissen, dass es absurd ist», sagt der Schauspieler Philipp Avdeev, auf die Zurückhaltung angesprochen, die sich die Mitarbeiter des Moskauer Gogol-Zentrums auferlegt haben, wenn es um das Prozessverfahren geht, das ihren Künstlerischen Leiter seit August 2017 mit Hausarrest sanktioniert. Und er fährt fort: «Als...
