Deformierte Seelen
Miriways, afghanischer Warlord in Persien, verlangt von Sophi, dem rechtmäßigen Kronprinzen, seine Tochter zu heiraten, obwohl dessen Herz vergeben ist. Der Machtmensch will Milde im eroberten Land demonstrieren und gleichzeitig die Strippen ziehen. Aber nicht nur, weil der Januskopf absolutistischer Fürstenherrschaft permanent enthüllt wird, ist Johann Samuel Müllers Libretto für Telemanns Hamburger Oper von 1728 spannend. Auf gleichem Niveau bewegt sich sein psychoanalytischer Vorgriff.
Miriways erlitt durch seinen Vater dasselbe Trauma: Auch er musste seine Liebe dem Machtkalkül opfern. Müller zeigt, wie Opfer zwanghaft andere Menschen zu Opfern machen. Die menschliche Deformation pflanzt sich fort. Nur ein Deus ex machina kann den Teufelskreis brechen (siehe «Iphigenie»). Christliche Theologie findet ihn im Konzept der Gnade, der Absolutismus in der Milde (clemenza), die Antike in Tyché (Zufall). Da der republikanische Frühaufklärer Müller clemenza und Gnade als Propagandainstrumente «falschen Bewusstseins» ausscheidet, führten bei ihm der Zufall und die Überlegenheit bürgerlichen Seelenadels über höfischen Standesdünkel zum Happy End. Einen solchen Sprengsatz konnte man ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 26
von Boris Kehrmann
Die Leistung von Gerard Mortier war nicht nur die Etablierung einer neuen Opernästhetik. Er verstand es auch, für seine Projekte Ressourcen zu erschließen und Menschen zu motivieren. Er brachte Kunst an Orte, die schon verloren oder noch zu entdecken waren: an das weiland arg angestaubte Brüsseler Opernhaus, an die in Repräsentationskultur erstickten Festspiele...
Der Lustschrei aus dem Auditorium gleich nach dem letzten Akkord des «Don Giovanni» erinnert an die Zuschauer-Hysterie zu Zeiten Karajans, und obwohl Nikolaus Harnoncourt einmal als «Un-Karajan» bezeichnet wurde, scheint vieles nicht unähnlich: ekstatische Publikumsreaktionen, der Medien-Hype und die -Verwertung. Als Ersatz für die wegen des unpässlichen Regisseurs...
Jubilare
Er gehört zu den wenigen französischen Opernsängern, die 18 Jahre in Folge an der New Yorker Met gastierten. Der Bariton Gabriel Bacquier erhielt seine musikalische Ausbildung zwischen 1945 und 1950 am Pariser Konservatorium und war von 1953 bis 1956 Ensemblemitglied am Brüsseler Opernhaus La Monnaie, wo er französisches und italienisches Repertoire sang....
