Muttersprache, Feindessprache
Wiesbadens Theater, exemplarische Fellner & Helmer-Neorenaissance (1894), und die von Wilhelm II. 1896 in seiner Sommerfrische lancierten Maifestspiele zeugten von Belle Epoque-Nostalgie. Diesmal freilich wiesen die Zeichen gleich doppelt nach vorn: Auf Zimmermanns epochale «Soldaten» (siehe Seite 18) folgte die Uraufführung von Helmut Oehrings «Agota?» mit der Schauspielerin Dagmar Manzel.
Schon das Sujet ist brisant: Die Flüchtlingsschicksale lassen Begriffe wie «Heimat», «Muttersprache» neue Aktualität gewinnen.
Oehring, für den Kommunikation seit je zentrales Thema war, ist eine literarisch-musiktheatralische Transposition gelungen: «Agota?» basiert auf der autobiografischen Erzählung «Die Analphabetin» von Agota Kristof, für die Ungarisch Sprach-Welt-Identität war. Dann folgten «Feindessprachen», Deutsch, Russisch, nach der Flucht 1956 Französisch in der Welsch-Schweiz. Das musste sie lernen, sich als Schriftstellerin über Jahrzehnte immer mehr aneignen; gleichwohl blieb sie heimatlose «Analphabetin».
Stefanie Wördemann hat aus mehreren Kristof-Texten ein «Concetto» disparater Zeit-Raum-Bewusstseinszustände geschaffen, Oehring ein «vokalinstrumentales Melodram», als ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Gerhard R. Koch
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War im 19. Jahrhundert das Kunstlied noch eine jener musikalischen Gattungen, der sich nahezu alle Komponisten mit stetem Eifer und großer Resonanz widmeten, kam es in den 1920er-Jahren zusehends aus der Mode. Der radikale gesellschaftliche Wandel, das Verschwinden des bürgerlichen Salons wie auch der Aufbruch in neue stilistische Sphären jenseits der Romantik...
Was ist eine Abenddämmerung im Frühling anderes als eine Vielzahl unvollendeter Geschichten?» Selten hat ein Dichter die Verwirrung des Geistes durch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und die Melancholie des Unvollendeten so poetisch-treffend beschrieben wie Bruno Schulz, der Autor und Maler aus dem ostgalizischen Drohobycz. In seinem Buch «Die Zimtläden», das...
