Oratorisches Ritual
Gibt es für das Böse eine Grenze auf unserer Erde? Diese rhetorische Frage stellt Thyeste sich in der gleichnamigen Oper des niederländischen Komponisten Jan van Vlijmen, die nun ihre Uraufführung am Brüsseler Théâtre de la Monnaie erlebte – als Koproduktion mit der Nationalen Reiseoper Enschede. Die Frage liegt auf der Hand, hatte Thyeste doch gerade, ohne es zu wissen, seine eigenen Söhne verspeist. «Sie tanzen in meinen Eingeweiden», heißt es in dem von dem flämischen Lyriker und Schriftsteller Hugo Claus auf Französisch verfassten Libretto.
Das Motiv für diesen Fall eines «inzestuösen Kannibalismus» rührt von der Feindschaft zwischen den Brüdern Thyeste und Atreus, den Söhnen des Tantalos. Die Geschichte gehört zwar zur griechischen Mythologie, dramatisiert wurde sie freilich erst durch den Römer Seneca. Atreus lädt den Bruder und seine Familie in seinen Palast, schlachtet, um sich zu rächen, dessen Kinder und serviert sie als Abendmahl. Am Ende der Geschichte hätten die Brüder sich gegenseitig töten können, doch van Vlijmen lässt sie im endlosen Tanz aus Liebe und Hass zurück.
Der Bariton Dale Duesing, der Thyeste eindrucksvoll verkörpert, schlägt in der Schlussszene ...
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