Bilderbogen
Die Trompete wimmert – zart, versehrt – im Nachhall des Schlagzeugs. Es klagt das Fagott. Erschöpfung liegt über der ersten Szene aus Volker David Kirchners neuer Oper «Gutenberg». Die Musik erinnert an die fahlen Stimmungen im Spätwerk von Dmitri Schostakowitsch, die Szene selbst – mit dem alten Johannes Gutenberg im Algesheimer Hof zu Mainz – ist ein Echo des «gotischen Zimmers» am Anfang von Goethes «Faust». Da ist jemand müde geworden vom eigenen Tun und hat den Appetit verloren auf die Zukunft, die ihm von der Nonne in Form eines «barmherzigen Süppchens» serviert wird.
In seiner neuen Oper, jetzt in Erfurt uraufgeführt, beschäftigt sich Kirchner, der auch das Libretto schrieb, mit Gutenberg, dem Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Die neun Szenen des einstündigen Stücks folgen keiner linearen Erzählung. Dem «betreuten Wohnen» zur Renaissancezeit folgen Alpträume der Kindheit, Rückblenden auf den analphabetischen Mob, Dialoge der Spekulanten, die aus Gutenbergs Erfindung Kapital zu schlagen suchen, die Verwüstung von Mainz durch die Truppen des Kurfürsten Adolf von Nassau. Das Libretto ist ein Bilderbogen – und die animierten Holzschnitte von fettfilm, die auf der ...
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Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Jan Brachmann
Ist Karl Marx nicht mausetot? Die Sowjetunion – gescheitert. Maos China – Geschichte. Das Kambodscha der Roten Khmer – wo war das noch mal? Die Antwort kommt aus dem Publikum, das der Vorstellung hellwach folgt. Gleich am Anfang wird es von der Bühne aus einbezogen: «La-la-la-la», singt der Saal, und «Eins, tswej, draj, fir!» wird daraus der «Arbetlosen Marsch» des...
Noch immer scheint Vincenzo Bellinis «Norma» untrennbar mit der Primadonna assoluta Maria Callas verbunden, die in den 1950er-Jahren das Werk rehabilitierte und mit ihrer Interpretation bis heute Maßstäbe setzte. Auch Cecilia Bartolis Versuch einer von dramatischem Gewicht deutlich befreiten Neudeutung der halsbrecherischen Partie der Druidenpriesterin konnte daran...
In Alexander Zemlinskys Opern rumort eine schwüle, mit Gewaltfantasien grundierte Erotik. Sein selten aufgeführtes Opus summum «Der König Kandaules» treibt die Obsessionen auf die Spitze. Wörtlich genommen ist die Geschichte schwer verdaulich: Der König begreift seine schöne Gattin Nyssia als Besitz. Erst entschleiert er sie wie eine Trophäe vor den Höflingen, dann...
