Mittelmaß
Glaubt man dem Klappentext, zeigt sich Benjamin Godard in seiner Dante-Oper «auf dem Gipfel melodischer Inspiration und kompositorischer Meisterschaft, in einem Stil, der Gounod erneuert und den Vergleich mit Massenet nicht zu scheuen braucht». Das sah die zeitgenössische Kritik anders. Camille Bellaigue zeterte: «Ihr, die ihr in die Opéra-Comique eintretet, lasst alle Hoffnung fahren, alle Hoffnungen, etwas anderes zu sehen als Nippes: einen Dante als Pendelfigur und eine Beatrice aus Zuckerguss.»
Natürlich können sich Zeitgenossen irren.
Doch auch nach mehrmaligem Hören irritieren an dieser Oper aus dem Jahre 1890 die verkitschte Geschichte, die wenig profilierte Personencharakteristik und ein reichlich epigonaler Stil. Zwar «funktioniert» Godards melodramatische Musik mit ihrer ebenso effektsicheren wie massiven Instrumentation. Jede Geste scheint unter Starkstrom gesetzt. Doch gelangt die Partitur kaum über die Illustration der szenischen Kontraste hinaus. Vieles spricht dafür, dass in der dunkleren «Françoise de Rimini», in der Godards Lehrer Ambroise Thomas schon 1882 den leibhaftigen Dante hatte auftreten lassen, weit mehr an «melodischer Inspiration und kompositorischer ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Anselm Gerhard
Der Meister war voll des (untergründig-ironisch getränkten) Lobes. «Was uns bei Bellini bezauberte», heißt es in einem Brief Richard Wagners an Cosima, nachdem er Wilhelmine Schröder-Devrient in «I Capuleti e i Montecchi» gehört hatte, «war die reine Melodie, der schlichte Adel und die Schönheit des Gesangs.» Besonders ein Stück des Belcantokönigs, mit dem er sich...
Vor einem halben Jahrhundert sind zwei Aufnahmen von romantischen Wagner-Opern entstanden, die den Stempel zweier großer Dirigenten tragen. Rudolf Kempe stand 1967 bei den Bayreuther Festspielen in «Lohengrin» am Dirigentenpult, Otto Klemperer leitete im Jahr darauf in den Londoner Abbey Studios eine Produktion des «Fliegenden Holländers».
Kempe, der im ersten...
«Die Ausflüge des Herrn Brouček» gehören zu den selten gezeigten Meisterwerken Janáčeks. Und zwar deswegen, weil die 1917, unmittelbar vor «Katja Kabanowa» entstandene Oper nicht als solches gilt. Begründet wird das Urteil mit dem chaotischen Libretto, an dem mindestens vier Autoren beteiligt waren, unter ihnen auch der Komponist; schon die literarische Vorlage ist...
