Mussorgsky, der Schreckliche
Ein schlichter Mönch, der Chronikschreiber Pimen, hat das Wissen um die Katastrophen Russlands in der Hand, wie sie in Mussorgskys gewaltigem «Boris Godunow» aufscheinen: «Es zieht Vergangenheit an mir vorüber – bewegt, so wie ein Meer, ein Ozean...» Mussorgsky, der Historiker unter den Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, verwandelt das wirre Panorama seines Landes zu Beginn des 17. Jahrhunderts in eine unerhörte Theaterhandlung. Er ist der Visionär der Macht, der menschlichen Seelen und Schicksale, noch finsterer als Wagner im «Ring».
Dafür haben Calixto Bieito und seine Bühnenkünstlerin Rebecca Ringst einen harten Realismus – ohne jede Kreml-Nostalgie – gefunden, der in seiner Schwärze, Leere und klobigen Einfachheit genau zu dem Stück zu passen scheint.
Nur die frühe, radikal geraffte Version der Zaren- und Volkstragödie, der sogenannte «Ur-Boris» von 1869, kann die ganze Tiefe der Geschichte nach Puschkins Drama von 1824 ausloten, die monströse Wucht des Schrecklichen erlebbar machen. Auch am Ende ist es Pimen, der das Wort führt: Anatoli Kotscherga gestaltet die Figur mit der Gewalt des schwarzen Basses, gibt mit packender Intensität das Porträt des seherischen Mönchs. ...
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Opernwelt April 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Wolfgang Schreiber
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