Ansteckungsgefahr
Mit ohrenbetäubendem Kreischen stürmt eine Gruppe Jugendlicher in weiß-blau gestreiften Badekappen die Bühne, unter dem donnernden Stakkato eines Pianos. Sie posieren. Sie grimassieren. Dann singen sie. Im kleinen, von Leuchtröhren erhellten Chorsaal im vierten Stock des Theaters an der Wien hat das Team um das Regie-Duo Catherine Leiter und Beate Göbel alle Hände voll zu tun: die erste Probe im Kostüm. Alle Beteiligten haben anstrengende Monate hinter sich. Schließlich gilt es, eine nagelneue Oper aus der Taufe zu heben.
«Capriccioso oder Die Launen der Oper» handelt – in Anlehnung an Strauss’ «Capriccio» – von einer Adelsfamilie, die bei der Vorbereitung einer musikalischen Geburtstagsüberraschung in eine Debatte über die Bedeutung von Text und Musik in der Oper und die Rolle der Kunst in der Gesellschaft gerät. Vertreter verschiedenster musikalischer Stoßrichtungen treffen hier aufeinander – Zwist vorprogrammiert. Dabei orientiert sich zwar das Sujet an Strauss’ Konversationsoper, nicht aber die Partitur – obwohl es, was Anleihen aus der Musikgeschichte betrifft, ansonsten «ziemlich wild zugeht». Florian C. Reithner, der das Stück in enger Abstimmung mit den jungen Darstellern ...
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Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Aus der Werkstatt, Seite 49
von Martin Knuhr
Der verflixte Revolver! Den ganzen Abend über versucht Rolando Villazón ihn loszuwerden. Und doch taucht er immer wieder auf, egal, wo er die Waffe vorher gerade hat verschwinden lassen. So oft fällt ihm das gefährliche Gerät mit der Trommelkammer in die Hände, dass es schließlich zum tödlichen Schuss kommt. In Claus Guths Inszenierung von Bohuslav Martinus...
Als Istanbul 2010 gemeinsam mit dem Ruhrgebiet und der ungarischen Stadt Pecs Kulturhauptstadt Europas wurde, erfüllten sich nicht alle Erwartungen. Man munkelte von Korruption, versickernden Fördergeldern. Aber in der 15-Millionen-Stadt vibrierte eine weltoffene Aufbruchsstimmung. Es fiel leicht, hier an die Anschlussfähigkeit der Türkei an die Europäische Union...
Der graue Linoleumboden riecht nach Schulsport, die Neonröhren summen leise. Hier ein Plüschsofa, dort eine Schubkarre voll abgewetzter Männerschuhe. An den Wänden: Ballettstangen. Ein groß gewachsener Mann im Sakko kriecht auf allen Vieren in die Mitte des Raumes, beobachtet von einer kleinen älteren Frau, die hinter einem langen Holztisch verkehrt herum auf ihrem...
