Gespannte Normalität
Jene gesottenen Wagnerianer, die das Œuvre ihres Meisters von allen anderen Opernwelten abheben, ihm eine höhere Dimension von Geistigkeit, Philosophie, ja Quasi-Religion zuweisen, scheinen so gut wie ausgestorben, und so gehören Wagner-Premieren inzwischen zur Theater-Normalität – emphatisch gesagt: zur Normalität permanenter äußerster Anspannung aller Theaterkräfte. Angesichts der landauf, landab grassierenden «Ring»-Projekte hält sich die Erregung freilich in Grenzen.
Die vierfache Herausforderung bedeutet heute sozusagen einfach eine andere Kategorie von Routine: die einer an großen Sport- und Event-Ereignissen orientierten, auf Rekorde ausgerichteten Planungskultur. Da mit dem «Ring» der Platz musikdramatischer Großprojekte ebenso besetzt ist wie mit Goethes «Faust» derjenige des klassischen deutschen Bildungsschauspiels, haben es ähnlich aufwändige Würfe schwer. Man denke etwa an August Bungerts in Dresden uraufgeführte Tetralogie «Homerische Welt», deren Text Ulrich Schreiber über Wagners «Ring»-Dichtung stellt und deren Musik er Lortzing-Qualität zuspricht. August who? Inzwischen ist nicht einmal der Name des Schöpfers dieses um die vorletzte Jahrhundertwende ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Hans-Klaus Jungheinrich
Anfang Mai gab es in Freiburg ein kleines Festival. Vier Abende. Auf dem Programm: Kurtág und Webern, Messiaen und Bernd Alois Zimmermann, Varèse und, zum Schluss, der c-Moll-Stoß von Beethovens «Fünfter». Eine Wahl mit Bedacht. Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, wie es seit einer Weile etwas holprig heißt, feierte Geburtstag: 70 stolze Jahre....
Die Berliner und Kölner Aufführungen seiner Oper «Jeanne d’Arc – Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna» (siehe OW 6/2008 und 4/2016) haben den von den Nazis als Halbjuden verfemten Komponisten Walter Braunfels einmal mehr ins Rampenlicht gerückt. Auch wenn in den letzten Jahren einige seiner Hauptwerke wieder aufgeführt wurden oder doch, wie die «Große Messe»...
Wer heute im Reich der Toleranz wandelt, dürfte eher Schattengestalten begegnen, wogegen im Land der irrationalen Wut gegenüber Anders-Denkenden/Gläubigen heilloses Gedränge zu herrschen scheint. Wie nähert man sich unter solchen Vorzeichen den Idealen der Aufklärung? Wie zeichnet man Selim, den Pascha, der weise ist wie Lessings Nathan und im Vergeben großherzig?...
