Symphonie Fantastique
Volker Hagedorn ist ein Musikkritiker, der ungemein plastisch erzählen kann. Und wenn er ein Buch schreibt, so wie jetzt über die französische Hauptstadt in den Jahren 1821 und 1867, dann ist ihm daran gelegen, die Unmittelbarkeit, die seine Zeitungsartikel ausstrahlen, auch auf die kulturwissenschaftliche Publikation zu übertragen. Und tatsächlich gelingt ihm das Kunststück, den Leser in eben jenen Gefühlstaumel zu versetzen, in dem sich auch die Pariser vor gut 150 Jahren befanden: Eine gewaltige Flut von Eindrücken prasselt hier unablässig auf das Individuum ein.
Für die Bewohner der Seine-Metropole waren die vor allem mit der Beschleunigung des täglichen Lebens verbunden, mit der Eisenbahn und der Telegrafie, mit dem Gaslicht, der (Ballon-)Luftfahrt und der Fotografie. Und dann war da natürlich noch das Bauprogramm des Stadtpräfekten, Baron Georges-Eugène Haussmann, der ganze Viertel niederreißen ließ, um neue Prachtboulevards anzulegen – und der damit eine brutale Immobilienspekulation auslöste.
Für den Leser von heute stellen sich die Schwindelgefühle dadurch ein, dass Hagedorn nicht nur Musikhistorie beschreibt, sondern Menschheitsgeschichte: Politik, gesellschaftliche ...
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Opernwelt Juni 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Frederik Hanssen
Es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, dozierte einst Theodor W. Adorno. Westdeutsche Intellektuelle haben diesen Satz jahrzehntelang nachgeplappert. Glücklicherweise hielten sich Rose Ausländer, Paul Celan und Nelly Sachs nicht daran. Romanciers und Regisseure sind hingegen meist kläglich gescheitert, wenn sie sich dem Holocaust zuwandten;...
Eine Donizetti-Uraufführung! Bei gut 70 Opern – kommt es da auf eine mehr oder weniger an? Ja, denn «L’Ange de Nisida» erweist sich als ein Geniestreich. Aber ist diese Partitur nicht in «La favorite» aufgegangen, die Ende 1840 an der großen Oper in Paris herauskam? So glaubte man zu wissen. Gewiss, die Grundzüge der Handlung sind identisch. Doch nur knapp die...
«Reason in madness» nennt die Sopranistin Carolyn Sampson ihr neues Liedalbum. Das nimmt Bezug auf einen Aphorismus von Friedrich Nietzsche: «Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber auch immer etwas Vernunft im Wahnsinn.» Ausgehend von Shakespeares Ophelia greift Sampson hier musikalische Psychogramme des weiblichen Wahnsinns auf. Vertonungen oder...
