Sex in Zeiten des Internet
Philippe Boesmans ist nicht der erste, aber der bislang erfolgreichste Komponist, der Arthur Schnitzlers «Reigen» auf die Opernbühne brachte. Das «erektiefste» Stück , so das Bonmot des Schnitzler-Freundes Richard Beer-Hofmann, das bei seiner Uraufführung einen Theaterskandal auslöste, bietet mit seiner Variationsstruktur des Immergleichen – zehn Paare finden sich in zehn Szenen zur sexuellen Vereinigung zusammen – ideale Voraussetzungen für einen musikdramatischen Zugriff.
Schnitzlers kunstvoll die Umgangssprache stilisierenden Dialoge enthüllen mit gesellschaftskritischer wie psychologischer Tiefenschärfe die Fremdheit zwischen den Geschlechtern. Zum Sex kommt es immer, zur Begegnung nie. Das uneigentliche, mal hilflose, mal ironische Aneinander-Vorbeireden macht diesen Liebesreigen zeitlos, sodass er auch in unserer Welt der Dating Apps und des Cyber-Sex noch funktioniert.
Boesmans’ gefällig-virtuose Musik mit ihren unüberhörbaren Anklängen an Berg und das Fin de Siècle allerdings taucht Schnitzlers gnadenlose Abrechnung mit der bürgerlichen Doppelmoral in ein nostalgisches, ja oft geradezu verklärendes Licht. Nur selten findet sie freche Töne – dann aber gleich für Schwerhörige, ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Uwe Schweikert
Die Avantgarde bröckelt manchmal schneller, als man gucken kann. Valencias Opernhaus, dem Palau de les Arts Reina Sofía, musste keine zehn Jahre nach der Eröffnung 2005 eine neue Keramikhaut übergezogen werden – ob der Werkstoff dieses in Beton gegossenen architektonischen Hüftschwungs des Baumeisters Santiago Calatrava sich überhaupt eignet, wo Wind und...
Giuseppe Verdi, nach dem «Falstaff» als größter lebender Komponist angesprochen, soll darauf geantwortet haben: «Lassen Sie den großen Komponisten beiseite, ich bin ein Theatermann!» Als Carlo Maria Giulini und Claudio Abbado, zwei der profiliertesten Verdi-Dirigenten ihrer Generation, «Rigoletto» (1979) respektive «Un ballo in maschera» (1980) für die Deutsche...
Kann der Royal Opera noch Schlimmeres passieren als das Buhgebrüll, das letzten Sommer in Damiano Michielettos «Guillaume Tell» losbrach? Ja. Und zwar Gelächter. Man hatte diesmal die Abonennten vorsichtshalber gleich vor den sexuell expliziten, brutalen Szenen in Katie Mitchells Inszenierung der «Lucia di Lammermoor» gewarnt. Schon zeterten Zyniker, Covent Garden...
