Mehr Gemeinsinn, bitte!
Für Musik vor 1800 ist «historisch informierte» Aufführungspraxis längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Mozart-Rezitative vom Konzertflügel begleitet, Händel-Streicher mit sattem Dauer-Vibrato, Bach-Cembalokonzerte auf dem Steinway: undenkbar.
Dabei scheinen der Annäherung an die Vergangenheit im Detail keine Grenzen gesetzt. Wo die einen auf bestimmten Materialien für Rohrblätter und Bogenhaare bestehen, inszenieren die anderen Kerzenschimmer für anheimelnde Konzerte. Einige buchstabieren sogar Kantorei mit C und Ypsilon.
Nur in einem Punkt scheinen spezialisierte Ensembles und Operndirigenten – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – das Nachdenken über historische Realitäten zu meiden wie der Teufel das Weihwasser: in der Frage der Direktion.
Mit Ausnahme Frankreichs gab es vor dem 19. Jahrhundert nirgendwo einen Dirigenten im modernen Sinn. Ein anonymer «teutscher Biedermann» hielt noch 1779 lapidar fest: «Da, wo […] der Komponist […] vor der öffentlichen Aufführung sattsame Proben gehalten hat, braucht es weiter keiner Direktion; [das Orchester] dirigirt sich alsdann von selbst, wie die Uhr, wenn sie aufgezogen worden ist.» Selbst Verdis «Un ballo in mas-chera» kam 1859 in ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Magazin, Seite 85
von Anselm Gerhard
Im alten Japan war Weiß die Farbe des Todes und der Trauer. Bei Romeo Castelluccis neuester Kunstanstrengung, die sich an die Inszenierung von Bachs «Matthäus-Passion» wagt, erinnert das allgegenwärtige Weiß weniger an buddhistische Trauerrituale als vielmehr an jenes Weiß, das in Galerien und Museen als Hintergrund der Präsentation von (zeitgenössischer) Kunst...
Zu den Schlüsselwerken von Hans Werner Henzes neuem Vokalstil nach seiner Übersiedlung nach Italien Mitte der 1950er-Jahre gehört die 1958 entstandene «Kammermusik» über Hölderlins Hymne «In lieblicher Bläue» für Tenor, Gitarre, Klarinette, Fagott, Horn und fünf Streicher. Der Komponist beschwört in diesem dreiviertelstündigen Werk, dem er später noch einen...
Nimmermüde
Pfingsten steht Salzburg im Zeichen von Romeo und Julia. Und Festspielchefin Cecilia Bartoli schenkt sich zum 50. Geburtstag eine Mädchenrolle: In Bernsteins «West Side Story» ist sie als Maria zu erleben.
Nimmerschwer
Im Barockfach hat Anna Caterina Antonacci ihre Karriere begonnen. Eigentlich hoffte sie auf die schweren Verdi-Partien. Heute weiß die...
